Wir verwenden Cookies, um Ihr Shoppingerlebnis zu verbessern. Wenn Sie weiter auf unserer Seite surfen, akzeptieren Sie die Cookie-Policy. (Datenschutz)

OK
Wenn der Wald spricht 1 - Kapitel 08

Zurück zur Übersicht

 

Wenn der Wald spricht... 1

von Stefan Hertrich (Hörbuch 2011)


Hörbuch 2011. Als CD- oder Download-Version hier im Shop erhältlich.

 

8. Kapitel: Anderen vergeben

Schwieriger wird es, wenn dir nicht die Wirklichkeit eines anderen Menschen missfällt, sondern die Person gewaltsam in deine Wirklichkeit eindringt und dir Schaden zufügt. Es fällt euch schwer, in solch einer Situation einen Sinn oder Nutzen zu sehen. Denn euer Verstand will alles, was geschieht, in Kategorien wie diese einordnen. Und so seht ihr in solchen Fällen nur im Prinzip "Auge um Auge, Zahn um Zahn" die Lösung. Zunächst ist es wichtig, sich bewusst zu machen, dass Gleiches mit Gleichem zu vergelten die Tat nicht ungeschehen macht. Auch ein dauerhaftes Gefühl der Genugtuung wird ausbleiben, denn das Gefühl der Verletzung bleibt bestehen. Also gilt es zunächst, der Realität ins Auge zu sehen: Dir wurden Steine in den Weg gelegt. Und es wird auf deiner Reise durchs Leben vermutlich nicht das letzte Mal gewesen sein. Aber verglichen damit, wie oft du dir selbst mit deinen Ängsten, Selbstzweifeln und Dramen im Weg stehst, sind Vorfälle wie dieser sicher eine Seltenheit. Im Gegensatz zu euch Menschen muss sich die Natur viel öfter Hindernissen von außen stellen. Die Erde als Ganzes zum Beispiel hat mit all den Abfällen fertigzuwerden, die ihr Menschen hinterlasst. Und wir Bäume müssen manchmal unsere Wurzeln selbst durch die dicksten Betonschichten zwängen. Das schaffen wir nur, wenn wir all unsere Kraft bündeln und mit Geduld beharrlich unser Ziel verfolgen – egal, welche Hindernisse sich uns in den Weg stellen. Wie widrig die Umstände auch sein mögen: Einen schnelleren Weg zum Ziel gibt es nicht. Auch du willst natürlich bei der Selbstverwirklichung auf schnellstem Wege am Ziel ankommen. Und so stellt sich die Frage, wie du dort hingelangst, ohne mit Rachegelüsten Zeit und Energie zu verschwenden. Wie bleibt man unbeirrt und mit ganzer Kraft auf seinem Weg? Der Schlüssel lautet "Vergebung".

Du kommst schneller voran, wenn du dich über die Steine, die dir jemand in den Weg gelegt hat, erhebst. Spring einfach über sie hinweg, anstatt stehen zu bleiben, sie aufzuheben und mit einem Bedürfnis der Vergeltung zurückzuschleudern. Wenn du dich in Vergebung übst, kommst du nicht nur schneller auf deinem Lebensweg voran. Du begibst dich auch auf den Weg der Meisterschaft, wie er schon von einem berühmten Menschen vor zweitausend Jahren beschritten wurde und bis zum heutigen Tag von vielen Weisen gegangen wird. Vergebung bedeutet nicht, alles gutzuheißen oder hinzunehmen. Es geht schlicht und einfach darum, nicht auf eine ungewünschte Situation im Außen emotional zu reagieren. Wenn du vergibst, gibst du deine Verletzung weg. Du nimmst deinem Mitmenschen die Macht, über dein Glück oder Unglück zu bestimmen. Was für ein Befreiungsschlag! Nicht unbedingt, weil die andere Person es verdient, sondern weil du es verdienst, ein Leben ohne Enttäuschung und Kränkung zu führen. Übe dich darin, nicht mehr emotional auf das zu reagieren, was sich dir an Widrigkeiten in den Weg stellt. Du wirst sehr bald merken, wie stark und unabhängig du bist, wenn du nicht die Muskeln spielen lassen musst.

Du wirst dich leichter tun, jemandem zu vergeben, wenn du versuchst, diese Person zu verstehen. Kein einziger Mensch, der heil ist, würde freiwillig etwas Böses tun. Denn jeder Mensch hat ein gutes Herz. Ihr nennt das in manchen Glaubensrichtungen den „göttlichen Funken“, den jeder in sich trägt. Versuche herauszufinden, warum der Mensch, der dir bewusst Schaden zugefügt hat, nicht heil ist. Warum erstrahlt der göttliche Funken in ihm nicht in einem hellen Licht? Wahrscheinlich fühlt sich dieser Mensch so schwach und wurde irgendwann in seinem Leben so sehr verletzt, dass er sich nicht anders zu helfen weiß, als im übertragenen Sinne wild um sich zu schlagen. Aber in stiller Zurückgezogenheit, wenn wir Bäume ihn sehen, ist er ein sehr trauriges, bemitleidenswertes Geschöpf. Irgendwann in seinem Leben ist etwas geschehen, das ihn so schwach und gekränkt werden ließ. Und nun hat er es in all seiner Hilflosigkeit an dich weitergegeben, weil er selbst nicht um das Geschenk der Vergebung weiß und deswegen nicht heil werden kann. Wenn du Vergeltung üben willst und er das von dir zu spüren bekommt, was er dir angetan hat, wird er sich trotzdem nicht ändern – nicht ändern können. Ganz im Gegenteil – sein Gefühl der Schwäche und des Verletztseins würde noch mehr verstärkt werden. Gib diesem Menschen keine Macht über dich, indem du dich ärgerst oder dich auf seine Ebene begibst. Wenn du stattdessen in solchen Situationen Verständnis und Mitgefühl zeigst, wird das Gefühl der Kränkung in dir verschwinden. Du wirst dir mit der Zeit mehr bewusst werden, dass durch den Akt der Vergebung nur du über dein persönliches Glück entscheidest, und nichts, absolut nichts im Außen. Wenn ein Baum sich zu beugen versteht, wird er nie vom Wind gebrochen.

 

Zum nächsten Kapitel ->