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Wenn der Wald spricht 1 - Kapitel 06

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Wenn der Wald spricht... 1

von Stefan Hertrich (Hörbuch 2011)


Hörbuch 2011. Als CD- oder Download-Version hier im Shop erhältlich.

 

6. Kapitel: Liebe

Ihr lebt in einer Zeit, die sich sehr stark von anderen Zeiten der Menschheitsgeschichte unterscheidet. Es ist eine Zeit der Individualisierung. Ein enges Familiengefüge, das mehrere Generationen umfasst und eine entsprechende Verantwortung mit sich bringt, ist zum Überleben nicht mehr notwendig. Früher musstet ihr lernen, als Teil dieses Gefüges zu funktionieren. In der heutigen Zeit ist euer Verantwortungsbereich teils größer, teils kleiner. Zum einen ist es eure Aufgabe, euch selbst in einem weltweiten Kontext zu sehen und dementsprechend zu handeln. Ihr werdet mit Problemen wie der Umweltverschmutzung und dem Welthunger konfrontiert und könnt diese Probleme nur lösen, wenn ihr euch als globale Gemeinschaft versteht. Zum anderen müsst ihr lernen, ohne großen familiären Zusammenhalt als starke, unabhängige Individuen zu bestehen. So wie kräftige, ausgewachsene Bäume, die für sich existieren, aber gemeinsam den Wald bilden. Es mag unterschiedliche Meinungen zu dieser gesellschaftlichen Entwicklung geben, aber sie prägt nun einmal gegenwärtig eure Lernprozesse und Bewusstseinsentwicklung. Euch bieten sich dadurch nie dagewesene Möglichkeiten zur Selbstfindung, persönlichen Entfaltung und Erfüllung.

Das führt auch zu Veränderungen im Erleben zwischenmenschlicher Beziehungen. Ihr müsst heutzutage keine Bindungen mehr eingehen, um zu überleben. Erfreut euch deswegen in der Partnerschaft an der gemeinsam verbrachten Zeit, aber bleibt zwei Ganze, anstatt euch als zwei Hälften zu sehen. Ihr seid immer ein Ganzes, egal ob allein oder in einer Partnerschaft. Wer sein Ganzes in einer Partnerschaft auf eine Hälfte reduziert, wird seine eigene Stärke nicht mehr spüren und vergeblich Erfüllung suchen. Und wer sich schon vorher nur als Hälfte sieht, geht mit zu hohen Erwartungen eine Bindung ein und wird enttäuscht werden. Denn es ist ein Irrglaube, dass die Partnerschaft einen halben Menschen ganz macht. Alles, was du brauchst, um ganz zu werden, steckt in dir selbst. Die Liebe zu einem Menschen hilft dir lediglich dabei, herauszufinden, was dir fehlt. Das, wofür du einen Menschen - oder auch die Natur - liebst, steht für einen Aspekt deines Seins, der in dir nicht genügend ausgeprägt ist oder vernachlässigt wurde. Und durch die Liebe versuchst du, daran Anteil zu bekommen. Vielleicht blickst du gerne hinauf in den Himmel, wo Adler ihre Runden drehen, weil du dich unfrei fühlst oder dir selbst nicht genug Freiheit zugestehst. Oder du erfreust dich an der Schönheit einer Blume, weil du dich selbst nicht als schön empfindest.

Das Herz des von dir geliebten Menschen ist wie diese Blume. Du kannst dich am Wesen dieses Menschen erfreuen, so wie er ist, und dich dabei selbst finden. Willst du das Herz dieses Menschen aber besitzen, musst du die Blume pflücken. Sie ist dann keine Blume mehr, sondern nur noch ein lebloses Objekt. Das Herz des Menschen hört auf, für dich zu schlagen. Staune vor der Schönheit und dem Wesen eines Menschen, aber ohne dein Seelenheil von ihm abhängig zu machen und ihn zu vereinnahmen. Zu dieser Vereinnahmung kommt es leicht, wenn man Liebe mit Verliebtheit verwechselt. Ist letzteres der Fall, liebst du nicht den Menschen, sondern nur die mit Hoffnungen und Erwartungen verbundene Illusion, die du von diesem Menschen hast. Du siehst nur das, was dir an ihm gefällt. Nach einer gewissen Zeit der Partnerschaft richtest du die Aufmerksamkeit jedoch immer mehr auf das, was dir an dem Menschen nicht gefällt. Der Mensch ist der Gleiche geblieben, aber der Fokus deiner Wahrnehmung hat sich geändert. Und so beginnst du an der Partnerschaft zu zweifeln. Richte dein Hauptaugenmerk auf eure Gemeinsamkeiten, denn sie einen euch. Dann kann innige, vertraute Liebe geschehen. Wenn du deinen Fokus auf die Unterschiede lenkst, wirst du irgendwann versuchen, deinen Partner zu ändern. Er wird dann dir zuliebe etwas tun, was nicht seinem Wesen und der Vision seiner selbst entspricht. Über kurz oder lang wird dies bei ihm zu Frust führen und die Liebe zerstören.

Im Laufe der Entwicklung zweier Menschen kann es passieren, dass sich ihre Vorstellungen von der Zukunft trotz vieler Gemeinsamkeiten stark voneinander zu unterscheiden beginnen. Dann hat die Partnerschaft möglicherweise ihren Sinn verloren und es ist Zeit, getrennte Wege zu gehen. Sonst besteht die Gefahr, dass sich beide in ihrem Entwicklungsprozess hemmen und so in der aktuellen Lebenssituation steckenbleiben. Falsch verstandenes Mitleid bringt in solch einer Situation beide nicht weiter. Sie würden sich im Kreise drehen und dadurch ihr Leiden nur verlängern, denn höchstwahrscheinlich zögern sie die Trennung nur heraus. Viele möchten ihren Partner nicht verlieren, weil sie meinen, ihn zu brauchen. Wer so denkt, baut sein Fundament zum Glücklichsein auf Kosten des Partners auf und nimmt dafür dessen Unfreiheit in Kauf. Das ist nicht Lieben, sondern Benutzen. Liebe kann nur in der fruchtbaren Erde der Freiheit gedeihen. Auf dem steinigen Boden der Angst und Berechnung wird sie verkümmern.

Im Übrigen ist es für die Entwicklung der Menschheit und das Weiterbestehen der Erde entscheidend, dass ihr eure Liebe nicht nur auf euch selbst, den Partner und die Familie beschränkt. Ihr müsst die Bereitschaft entwickeln, alles zu lieben. Das ist der höhere Sinn, der sich hinter dem Zeitalter der Individualisierung verbirgt. Zunächst geht es darum, dich selbst zu finden und selbst zu lieben. Erst dann hast du einen freien Blick auf die Welt und kannst sie aus der Individualität heraus als Ganzes wahrnehmen und lieben. Erst mit dieser Liebe bist du wirklich bereit dazu, zu ihrem Heil beizutragen. Ihr Menschen stellt es euch ziemlich schwer vor, alles zu lieben. Denn ihr liebt in der Regel, um selbst geliebt zu werden oder das Gefühl zu haben, gebraucht zu werden. Diese Bedürfnisse lassen sich schwer befriedigen, wenn man etwas Beliebiges liebt. Aber so schwer ist es nicht, eine allumfassende Liebe zu entwickeln. Wenn du erst einmal versucht hast zu lieben, ohne Bedingungen an diese Liebe zu knüpfen, wirst du merken, dass dich das Verschenken von Liebe nicht verausgabt und die Liebe in dir nicht weniger wird. Liebe ist keine Handlung, für die man Kraft und Energie aufbringen muss. Sie ist ein Seinszustand, der einfach von sich aus geschieht und in deine Umgebung strömt.

Oft liebst du sogar, ohne es zu merken. Du beobachtest ein Eichhörnchen auf einem Baum und schaust es mit großen Augen und einem Lächeln im Gesicht an. Oder deine verträumten Blicke tauchen ein in die unendlichen Weiten des Meeres. In Momenten wie diesen schenkst du dem Lebewesen oder Objekt vor deinen Augen Liebe und wirst gleichzeitig selbst von dieser Liebe durchdrungen. Du vergisst alles um dich herum und bist für einen Moment eingebettet in der Geborgenheit des Universums. Du wirst nicht eifersüchtig, wenn dieses Objekt oder Wesen einem anderen Betrachter Liebe schenkt. Du rechnest nicht auf, ob du mehr Liebe gibst als du bekommst. Und du weißt, dass du nicht am Boden zerstört sein wirst, wenn dieser Augenblick endet. Fröhlich und gestärkt wirst du danach weiter deiner Wege gehen. Das ist Liebe! Je mehr Momente du lebst, in denen diese Art von Liebe fließt, desto heiterer wird auf Dauer dein Gemüt. Und du wirst immer offener für weitere, noch subtilere Erfahrungen wie diese, weil sich deine Wahrnehmung verändert. Zuerst hast du möglicherweise das Eichhörnchen als Auslöser gebraucht. Aber irgendwann wirst du selbst einen kleinen Käfer mit anderen Augen sehen. Bei Menschen tut ihr euch schwerer. Oft wird eure Liebe zu ihnen dadurch blockiert, dass ihr sie verurteilt, von ihnen verurteilt werdet oder euch selbst verurteilt.

 

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