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Wenn der Wald spricht 2 - Kapitel 14

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Wenn der Wald spricht... 2

von Stefan Hertrich (Hörbuch 2013)


Hörbuch 2013. Als CD- oder Download-Version hier im Shop erhältlich.

 

14. Kapitel: Arm & Reich

Jahrzehnte der politischen Stabilität und technischen Innovationen haben euch ein hohes Maß an Wohlstand beschert. Nun seid ihr jedoch an einem Punkt der materiellen Sättigung angelangt. Maschinen verrichten so viele Arbeiten für euch, dass eure Kraft und Fähigkeiten in den herkömmlichen Strukturen immer weniger gebraucht werden. In einigen Ländern sind bereits mehr als die Hälfte aller jungen Menschen arbeitslos.

Euer Wirtschaftssystem war ursprünglich darauf ausgelegt, euch ein Höchstmaß an Gestaltungsfreiheit zu bieten. Ihr solltet euch gegenseitig mit einem gesunden Konkurrenzdenken beflügeln. Dieser Denkansatz entspringt allerdings einer Zeit, in der nur wenige Menschen Gefahr liefen, durch das soziale Raster zu fallen. Der letzte große Krieg mit all seiner Zerstörung war gerade erst vorüber und es gab für alle viel zu tun. Doch nun tretet ihr euch immer mehr auf die Füße und euer Wirtschaftssystem offenbart sich als Arena für den Kampf um die Stücke des Wohlstandskuchens. Anstatt dieses System in Frage zu stellen, stellt ihr jedoch die Menschen in Frage, die es nicht schaffen, sich einen ausreichend großes Stück des Kuchens zu sichern. Ihr meint, sie seien zu faul, um sich an den Essenstisch zu setzen, oder hätten es einfach verpasst, sich in Form von Bildung ein geeignetes Besteck für den Kuchen zu beschaffen. Ihr denkt, wenn doch nur alle Menschen gebildet und fleißig wären, dann würden auch alle genug vom Kuchen abbekommen. So könnt ihr das Problem nicht lösen, weil das Problem nicht das Besteck ist, sondern was ihr damit macht. Ihr zerteilt damit nicht den Kuchen in gleichgroße Stücke für alle, sondern kämpft um die besten Plätze am Essenstisch. Der Kuchen selbst ist nie kleiner geworden. Er war und ist immer gleich groß und könnte euch alle satt machen. Die Anzahl der Stühle ist das Problem, denn sie nimmt immer mehr ab.

Der Grund hierfür ist das Konkurrenzdenken. Es steht in eurem Wirtschaftssystem für die Freiheit jedes einzelnen, sich dank seiner Fähigkeiten und seines Fleißes uneingeschränkt entfalten zu dürfen. Allerdings hebelt ihr dadurch ein wichtiges kosmisches Gesetz aus: das Gesetz der Resonanz, das besagt, dass Gleiches Gleiches anzieht und sich so verstärkt. Stattdessen geschieht das Gegenteil: Gleiches verträgt sich nicht mit Gleichem und stößt sich ab. Denn es sind die Gleichen, also diejenigen Firmen, die die gleichen Produkte herstellen, die sich am meisten bekämpfen und so gegenseitig schwächen. Schließlich müssen sie konkurrieren. Anstatt gemeinsam und mit vereinten Kräften an einem Produkt zu arbeiten, erfindet jeder für sich das Rad neu. Der Markt wird mit fast identischen Waren überhäuft, von denen die meisten nicht gebraucht werden – es gibt ja schon genug davon. Die schlechteren oder weniger etablierten Waren können somit nur auf dem Markt bestehen, wenn sie billig angeboten werden. Und dazu werden billige Arbeitskräfte benötigt. In früheren Zeiten hatte die Konkurrenz eine geringere Bedeutung, da der regionale Faktor noch eine Rolle gespielt hat. Der Hersteller der Waren musste in der Nähe seiner Abnehmer angesiedelt sein, weil große Entfernungen nicht mit Eisenbahnen und anderen technischen Errungenschaften überbrückt werden konnten. Heutzutage hingegen konkurriert jeder mit jedem, was auch für die Umwelt verheerende Folgen hat. Billige Waren müssen für das Auge aufwändig verpackt und quer über den Globus transportiert werden. Wer in diesem System nicht bestehen kann oder nicht mehr Teil davon sein will, verliert seinen Platz am Kuchentisch.

Ihr könntet viel effizienter arbeiten, wenn die Wirtschaft in der Hand einer bewussten, verantwortungsvollen Allgemeinheit liegen würde. Ohne Konkurrenzdruck könntet ihr euch dann wieder auf die Herstellung weniger Produkte konzentrieren, diese dafür aber liebevoller und hochwertiger gestalten. Ihr würdet euch alle gemeinsam an den Tisch setzen und gegenseitig von eurem Wissen profitieren, anstatt es euren Konkurrenten bewusst vorzuenthalten oder am Stuhl eures Nächsten zu sägen. Im Wald lehnt sich Baum an Baum, also warum nicht Mensch an Mensch? Weil die allgemeine Auffassung herrscht, dass derjenige, der viel leistet und nach oben kommen will, dafür belohnt werden muss. Wer diesen Ehrgeiz nicht hat oder schlicht und einfach nicht kämpfen will, muss dafür Nachteile in Kauf nehmen. Diese Auffassung wird nicht hinterfragt, sondern gilt als völlig natürlich und alternativlos. Es gehört sich nicht in gutem Hause, darüber nachzudenken, dass Arbeit und Leistung möglicherweise nicht alles im Leben ist. Schon die Schule lehrt euch, wie man sich am besten seinen Platz am Tisch sichert und am geschicktesten mit seinem Besteck umgeht, um ein möglichst großes Stück des Kuchens für sich – und nur für sich – abzuschneiden. Weder Schule noch Eltern sehen sich in der Pflicht, bei den Kindern ein Interesse am Wohlergehen der Allgemeinheit zu wecken. Um die Alten, Kranken und Armen wird sich schon irgendjemand kümmern – die Kirche, der Staat oder die Kinder der Nachbarn. Aber aus meinem Nachwuchs soll etwas Anständiges werden.

Es ist nicht verwunderlich, dass viele so denken. Schließlich wird denen, die ihren Blick nach unten richten und sich selbstlos in den Dienst der Schwachen stellen, ein vergleichsweise kleines Stück des Kuchens zugesprochen. Wer hingegen nach oben blickt, um mit Fleiß und Arbeit erfolgreich zu sein, wird fürstlich belohnt – hat aber kaum noch Kraft und Aufmerksamkeit für das, was unten vor sich geht. Niemand kann in zwei Richtungen gleichzeitig schauen. Vielleicht solltet ihr deshalb nicht mehr nach unten oder nach oben, sondern nach vorne schauen. Macht euch bewusst, dass euer Wohlstandsmodell aus anderen Zeiten stammt und heute immer weniger funktioniert. In einer Welt, die immer mehr zusammenwächst und in der immer mehr Berührungspunkte und Wechselwirkungen entstehen, wird es bald kein gesundes Oben ohne ein gesundes Unten mehr geben. Niemand kann wissen, ob es nicht bald der eigene Stuhl ist, der umkippt...

Viele Stühle am Tisch des Wohlstands wackeln bereits oder sind nicht einmal mehr vorhanden, da aufgrund des technologischen Fortschritts, der Sättigung und der Konkurrenz viele Menschen nicht mehr gebraucht werden. Andere Stühle wiederum sind längt vergeben, manche gar seit Jahrhunderten. Ein großer Teil eures Wohlstands und der Mittel zum Erhalt und zur Vermehrung dessen wird seit Generationen an die Nachkommen weitervererbt und bleibt unantastbar im Familienbesitz. Damit meine ich nicht eher unbedeutenden Reichtum wie einzelne Bauwerke oder kleinere Privatvermögen, sondern gigantische Unternehmen und weitläufige Ländereien einschließlich der dort vorhandenen Rohstoffe. Revolutionen und Kriegen zum Trotz ist dieser Wohlstand in eurem Lande nie oder nur im geringen Maße einer Umverteilung zum Opfer gefallen. Wie redlich oder unredlich er einst zustande gekommen ist, weiß heute niemand mehr. Nicht einmal die Erben selbst wissen noch, wer diesen Reichtum vor vielen hundert Jahren angehäuft hat. Sie kennen diesen Menschen genauso wenig persönlich wie jeder andere – schließlich ist er schon lange tot.

Vererbung und wirtschaftliches Wachstum sorgen also dafür, dass ein Großteil der Mittel zur Entfaltung immer mehr in die Hände weniger Privilegierter fällt. Dadurch werden ihre Mitmenschen indirekt daran gehindert, ihre eigenen Visionen umzusetzen. Wie sollen sie schöpferisch sein, wenn andere durch ihre Konzentration von Macht und Potenzial eine viel bessere Ausgangsposition für Wohlstand und Erfüllung haben? Ihr werdet nicht eures Besitzes, aber immer mehr eurer Möglichkeiten beraubt. Da es sich um einen subtilen Vorgang handelt, fällt es euch so schwer, ihn als Unrecht zu erkennen. Deswegen geben sich viele von euch schon damit zufrieden, wenn sie hart arbeiten dürfen, um so wenigstens ihr Überleben zu sichern. Zwei Drittel der reichsten Menschen eures Landes haben ihren Wohlstand geerbt. Es herrschen nicht ansatzweise die gleichen Bedingungen für alle, doch nur so würde ein System wie eures den Menschen die Freiheit versprechen, für die es ursprünglich geschaffen wurde. Eurer Bildung und eurem Fleiß zum Trotz werden die Führungsköpfe mächtiger Familienunternehmen nach wie vor in ihre Position hineingeboren. Die Herkunft entscheidet also oftmals darüber, wer die besten Plätze am Kuchentisch bekommt – nicht Disziplin und Bildung. Denn Gleich und Gleich gesellt sich gern. Ein Doktortitel oder makelloser Lebenslauf zeugt zwar von deinem Fleiß, bringt dich allerdings noch lange nicht auf eine Wellenlänge mit den Menschen, die viel besitzen und entscheiden müssen, wen sie an ihrer Macht teilhaben lassen. Und so schafft es mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit der Nachwuchs aus vornehmem Hause in die Führungsebene der größten Unternehmen. Anerzogene Persönlichkeit und Ausstrahlung von Kindesbeinen an sind beim Verwalten der Macht nun einmal wichtiger als angelerntes Wissen.

Entweder du blickst also nach oben und verschreibst dein Leben der Arbeit, Leistung und Disziplin, um dir einen vergleichsweise sicheren Platz am Tisch zu erkämpfen, oder du blickst nach unten und nimmst mit dem Boden Vorlieb. Dann musst du dich mit dem begnügen, was von oben herabfällt. Entscheidest du dich für ein Leben in materieller Sicherheit, musst du dafür den Großteil deiner körperlichen Kraft, geistigen Energie und verfügbaren Lebenszeit opfern. Entscheidest du dich hingegen für ein Leben der Selbstverwirklichung und Freude, musst du deine materielle Sicherheit opfern. In beiden Fällen musst du einen hohen Preis bezahlen und kannst nicht die Vorzüge beider Lebenswege vereinen. Und das trotz all der technologischen Errungenschaften, die euch eigentlich schon lange ein Leben in Überfluss und Komfort sichern müssten. Aber anstatt in eine Welt der Fülle und Möglichkeiten hineingeboren zu werden, beginnt ihr euer Leben mit nichts. In den ersten Jahrzehnten eurer Existenz versucht ihr dann, mit Ehrgeiz, Disziplin und Angepasstheit einen Stuhl am Kuchentisch zu ergattern. Dabei könnte die frühe Phase des Lebens eine Zeit des Elans und Tatendrangs, der Kreativität und Phantasie, der Weltoffenheit und Begeisterungsfähigkeit sein. All diese Persönlichkeitsmerkmale werden jedoch kaum gefördert und ausgelebt. Sie verkümmern für den sicheren Platz am Tisch. Ihr werdet älter, und mit der Zeit vergesst ihr, wie sehr ihr euch von eurer eigentlichen Natur entfernen musstet. Dann sitzt ihr nach getaner Arbeit zufrieden am Tisch und lasst euch euer Stück des Kuchens schmecken.

Die meisten von euch haben die Schmerzgrenze noch nicht erreicht und sind noch nicht offen für Alternativen. Die gegenwärtige Entwicklung deutet allerdings in eine Richtung: die Verschärfung eurer Probleme im Außen, sofern es nicht aufgrund von Gewalt, eines Zusammenbruchs oder eines Bewusstseinswandels zu einer Veränderung kommt. Ein Krieg zum Beispiel würde wieder zu großer Zerstörung führen, die dann einen Wiederaufbau und damit ein neues Wirtschaftswachstum zur Folge hätte – bis ihr irgendwann wieder am gleichen Punkt steht wie jetzt. In gewisser Weise habt ihr bereits selbst versucht, Korrekturen am System durch Zerstörung herbeizuführen. Ihr habt Menschen dafür belohnt, ihre alten Fortbewegungsmittel zu zerstören, um dann neue bauen zu können – welch sorgloser Umgang mit euren Rohstoffen. Tritt das Zerstörungsszenario nicht ein, wird der Graben zwischen Arm und Reich irgendwann so breit, dass es im Zuge einer Revolution zu einer gewaltsamen Umverteilung des Vermögens kommen könnte, um die teilweise Jahrhunderte alten Wohlstandsstrukturen aufzubrechen. Aber Gewalt führt nur zu weiterer Gewalt, und Revolutionen im Außen haben noch nie etwas im Inneren der Menschen bewegt.

Wenn ihr die Situation also ohne Zerstörung und Gewalt ändern wollt, müsst ihr einen Bewusstseinswandel vollziehen. Das Bewusstsein der Gesellschaft – der Armen und der Reichen –  sollte sich dahingehend wandeln, dass alle bereit sind, nicht mehr nur für die Familie, sondern für die ganze Menschheit Sorge zu tragen. Gleichzeitig sollte jeder Einzelne von euch seine Einstellung gegenüber Arbeit und Lohn ändern. Nur so raubt ihr euch nicht mehr wie Bäume, die zu eng gepflanzt wurden, gegenseitig das Licht.

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