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Wenn der Wald spricht 2 - Kapitel 12

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Wenn der Wald spricht... 2

von Stefan Hertrich (Hörbuch 2013)


Hörbuch 2013. Als CD- oder Download-Version hier im Shop erhältlich.

 

12. Kapitel: Maschinerien

Ihr lebt in einer Zeit großer Gegensätze. Einerseits könnt ihr eure Individualität ausleben wie nie zuvor, andererseits werdet ihr immer mehr Teil von Maschinerien, in denen ihr nur ein kleines Rädchen mit wenig Einfluss auf Veränderungen seid. Ihr arbeitet in riesigen Konzernen und seid über ein weltumfassendes Kommunikationsnetzwerk miteinander verbunden. Selbst die Versorgung mit Nahrungsmitteln und die Beseitigung von Abfällen vollziehen sich in einem perfekt ausgeklügelten System. All dies vereinfacht eurer Leben, bietet euch ein Höchstmaß an Bequemlichkeit und verschafft euch Zeit, die ihr für eure persönliche Entwicklung nutzen könnt. Aber wie so oft, wenn etwas bei geringem Aufwand einen hohen Nutzen hat, entsteht mit der Zeit schleichend eine Abhängigkeit. Ihr kontrolliert dann nicht mehr die Maschinerien, sondern die Maschinerien kontrollieren euch. Dies geschieht immer dann, wenn ihr ihnen den Status der Ausschließlichkeit verleiht und keine Alternativen mehr zulasst.

Und so habt ihr in den letzten Jahrhunderten euer Leben in starre, unbewegliche Formen gepresst, die nur innerhalb eures Systems aufrechterhalten werden können. Ohne Strom, Gas und Öl wäre eure Umgebung ein lebloses Skelett aus Stahl und Beton. Dann erst würdet ihr merken, dass ihr einen Alltag ohne Wechselwirkung mit eurer natürlichen Umgebung führt. Ihr habt euch von ihr abgeschnitten und könnt nicht mehr für euch selbst sorgen. Diese Abhängigkeit erzeugt in euch unbewusst immer mehr Ängste, denn auf eure Maschinerien ist nicht mehr so viel Verlass wie früher. Je größer und umfassender sie werden, desto komplizierter und sensibler gegenüber Störungen werden sie. Und auch ihr werdet immer sensibler gegenüber Störungen. Ein Stocken im Straßenverkehr, ein verspäteter Zug oder ein kurzer Stromausfall ist für viele bereits ein Ärgernis. Denn unbewusst fühlt ihr euch immer mehr davon bedroht, dass auch euer Leben ins Stocken gerät. Ein ausbleibender Monatslohn oder ein defektes teures Haushaltsgerät kann bereits die Sicherheit mancher Menschen ins Wanken bringen. Die Betroffenen sind in keiner Weise frei, sondern versuchen verzweifelt in ihrem Hamsterrad zu funktionieren, ohne auch nur das geringste Ausscheren verkraften zu können. Auf je wackligeren Beinen sie stehen, desto mehr versuchen sie im Gleichschritt zu marschieren, um sich an den Strukturen des Systems festzuhalten und zur Not aufgefangen zu werden. Eine Maschine rattert unaufhörlich auf die gleiche Weise und sie vollzieht immer die gleichen Bewegungen. Das gibt diesen Menschen ein Gefühl von Sicherheit – und auch allen anderen, die nicht auf ihre innere Stärke vertrauen. Sie wünschen sich Führung, ohne sich dessen bewusst zu sein, dass die Maschinerien es sind, die der Führung bedürfen. Sonst laufen sie aus dem Ruder. Doch die meisten von euch sind zu schwach, um eine Veränderung herbeizuführen. Und da eure Maschinerien mittlerweile so sehr miteinander verwoben und komplex geworden sind, wagt und vermag es auch sonst niemand, sie zu ändern. Selbst Experten verstehen sie nicht mehr und können nicht einmal abschätzen, in welche Richtung sie sich bewegen. Die Trefferquote prognostizierter Ereignisse in der Wirtschaft und in anderen Bereichen liegt kaum über dem Zufallswert. Ihr merkt es nur nicht, da richtige Prognosen eine größere Aufmerksamkeit genießen als falsche.

Viele Maschinerien, in die ihr eingebettet seid, versteht ihr also nicht. Ihr hört eure Politiker über das Finanzsystem reden und versteht sie nicht. Ihr hört eure Ärzte über das Gesundheitssystem reden und versteht sie nicht. Ihr stellt immer ausgefeiltere Geräte her und versteht sie nicht. Der Fortschritt macht eure Welt in vielen Bereichen komplizierter anstatt einfacher, festgefahrener anstatt freier, trostloser anstatt bunter. Ihr müsst eure Welt be-greifen können, sie muss greif-bar und veränderbar sein. Damit meine ich nicht, dass ihr den Fortschritt nicht auf allen Ebenen nutzen solltet. Aber ihr solltet gleichzeitig auch Wege finden, um das Leben einfacher, überschaubarer und unabhängiger zu gestalten. Dies erreicht ihr, indem ihr euch im Außen ein wenig zurücknehmt und mehr nach Innen geht. Beschäftigt euch mehr mit euch selbst und euren Mitmenschen, anstatt immer mehr materielle Dinge herzustellen und anzuhäufen, die niemand wirklich braucht. Je mehr ihr nach Innen geht, desto mehr Energie setzt ihr in eurem Inneren frei und desto weniger Energie benötigt ihr im Außen. Die Bereitstellung von mehr Energie im Außen durch Kraftwerke, der Bau weiterer Straßen und die Erfindung neuer Produkte hat euer Leben nicht von Stress befreit, euch nicht mehr Glück beschert und eure Maschinerien nicht stabiler gemacht. Ihr könnt weitere Umgehungsstraßen bauen und damit versuchen, eure Probleme zu umgehen, doch es wird euch nicht gelingen, solange ihr die Welt und euch selbst weiterhin im Außen überfordert. „Die Natur widersetzt sich allem Übermaß“, mahnte bereits ein weiser Arzt des Altertums. Es geschieht viel Unrecht, um eure Maschinerien am Leben zu erhalten. Unmengen an Lebensmitteln werden täglich vernichtet, um die Preise zu kontrollieren. Menschen in armen Ländern werden ausgebeutet, um euch kostengünstig mit Waren zu versorgen. Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer. Früher waren eure höchsten Bauwerke die Gebäude des Glaubens. Heute sind es die Gebäude der Wirtschaft.

Ihr wisst um diese Probleme, und dennoch fällt es euch so schwer, etwas dagegen zu tun. Denn je umfassender ein System ist, desto weniger fühlt sich jeder einzelne darin verantwortlich. Aber im Gegensatz zu früheren Zeiten könnt ihr die Lösung eurer Probleme nicht mehr in die Hände eines allmächtigen Herrschers oder politischer Amtsträger legen. Die Probleme sind Sache der Allgemeinheit geworden. Ihre Ursache lauert nicht mehr irgendwo jenseits eurer Grenzen oder außerhalb der Stadtmauer. Die Ursache für eure Probleme seid ihr selbst. Denn je besser ihr in euren Maschinerien funktioniert, desto reibungsloser laufen sie. Vieles, was ihr tut, nährt sie als Treibstoff auf direkte oder indirekte Weise. Aus des Waldes eigener Mitte erhält die Axt den Stil. Der Staat wirtschaftet mit euren Steuern, die Banken mit eurem angelegten Geld und die Versicherungen mit euren Beiträgen. Und kaum ein Produkt, das ihr kauft, wird unter Bedingungen hergestellt, die ihr auf eurem gegenwärtigen Bewusstseinsstand für akzeptabel halten würdet – wenn ihr nicht sogar selbst unter unangemessenen Bedingungen arbeiten müsst.

Doch wie sollt ihr eure Maschinerien ändern? Sie sind zu groß, um direkt Einfluss nehmen zu können. Und auf wen sollt ihr Einfluss nehmen? Ihr habt es nicht mit einzelnen Menschen zu tun, sondern mit Marken, Firmen, Parteien und anderen abstrakten Strukturen. Wie sollt ihr Gehör finden, wenn da niemand ist, der euch hört? Ihr könnt die Situation nur ändern, indem sich jeder einzelne von euch selbst ändert. Ihr seid diejenigen, die den Maschinerien ihren Treibstoff zuführen. Entziehe den Dingen, mit denen du nicht einverstanden bist, den Treibstoff – deine Energie. Geld ist Energie, schließlich hast du dafür gearbeitet und viel Kraft aufgewendet. Aufmerksamkeit ist Energie – in Form von Lebenszeit, die du für Tätigkeiten aufwendest, die nicht deiner Auffassung von Freiheit, Frieden, Freude und Selbstverwirklichung entsprechen. Auch Aufmerksamkeit in Form deiner Stimme, die du bei Wahlen – beachte das Wort – abgibst.

Ich habe bei diesem Thema bisher kein besonders freudvolles Bild eurer Zeit gemalt, doch wo Schatten ist, ist auch Licht. Daher möchte ich nun auf die positiven Aspekte und Möglichkeiten eingehen, die sich euch bieten. In der Vergangenheit mussten die Menschen unter Umständen eine Entscheidung auf Leben und Tod treffen, um sich von etwas zu distanzieren, das ihrem moralischen Anspruch nicht gerecht wurde. Du hingegen kannst dich frei in den Maschinerien deiner Zeit bewegen und sie nach Belieben mehr oder weniger nähren. Deine Entscheidungen bedeuten für dich keine existentielle Gefahr. Es herrschen also ideale Bedingungen vor, um dich Schritt für Schritt in Verantwortung, Selbstermächtigung und Freiheit zu üben – und zwar wann du willst, wo du willst und wie du willst. Aber mach deine Entscheidung, eine Veränderung herbeizuführen, nicht davon abhängig, ob andere es dir gleichtun. Es geht nicht primär darum, dass dein Handeln im Außen etwas bewirkt, sondern dass du im Zuge deiner Bewusstwerdung Verantwortung übernimmst. Entscheide selbst, was du für richtig hältst, und lass es nicht andere für dich entscheiden. Nur wer bereit ist, Verantwortung zu übernehmen, wird irgendwann frei von fremdbestimmter Führung sein, seine ihm innewohnende Stärke entdecken und sich selbst finden.

Es ist deine ganz persönliche Herausforderung und Lernaufgabe. Dazu genügt es, Veränderungen im Kleinen zu vollziehen und so im Rahmen deiner Möglichkeiten ein höheres Bewusstsein in deine kleine, persönliche Welt hineinzutragen. Selbst in kleinsten Tautropfen kann sich die ganze Sonne widerspiegeln. Du wirst Menschen in deinem Umfeld inspirieren, und irgendwann wird sich dann auch die Welt im Großen ändern. Denn du hast mehr Einfluss auf deine Mitmenschen, als du vielleicht denkst. Ein Mensch mit einer klaren Vision inspiriert die Unentschlossenen und nicht umgekehrt. Es ist für das Eintreten einer umfassenden Veränderung daher unerheblich, wie viele sie anfänglich in die Wege leiten. Hauptsache, die richtige Zeit für einen Bewusstseinswandel ist gekommen. Stell dir jeden einzelnen Menschen, der eine Veränderung herbeiführen will, als Schneeflocke vor. Sie fällt auf den Boden und schmilzt, wenn die Erde zu warm ist. Aber je mehr Armut und soziale Kälte vorherrschen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Schneeflocke liegen bleibt. Sie findet Gehör, verbindet sich mit anderen Schneeflocken und irgendwann ist die ganze Erde mit glitzerndem Schnee bedeckt. Jede Schneeflocke ist einzigartig. Kein Mensch vertritt exakt die gleichen Ansichten wie ein anderer Mensch, und dennoch könnt ihr gemeinsam Großes bewegen.

 

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