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Wenn der Wald spricht 2 - Kapitel 11

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Wenn der Wald spricht... 2

von Stefan Hertrich (Hörbuch 2013)


Hörbuch 2013. Als CD- oder Download-Version hier im Shop erhältlich.

 

11. Kapitel: Einfachheit

So wie du dich auf dem Weg zum inneren Frieden immer mehr für das Gewöhnliche anstatt das Außergewöhnliche entscheidest, wählst du auch immer mehr das Einfache anstatt das Komplizierte. Du hast genug davon, intensiven Gefühlen hinterherzujagen und damit deinem Glück keinen Schritt näherzukommen. Du hast genug davon, pausenlos zu grübeln und immer verwickeltere Gedankenfäden zu weben. Du hast genug davon, ein kompliziertes und mühseliges Dasein zu fristen. Wenn dir etwas nicht passt, wirfst du es in Zukunft einfach aus deinem Leben, anstatt endlos abzuwägen, ob du es nun loslassen sollst oder nicht. Wenn du denkst, alles wiederholt sich pausenlos, machst du einfach irgendetwas anders. Du verlässt dich nicht mehr darauf, dass sich das Leben auf wundersame Weise von selbst ändern wird. Und wenn du etwas willst, es aber nicht bekommen kannst, vergisst du es einfach, anstatt es zu erzwingen. Denn du verstehst, dass die Dinge, die wirklich deinem Wesen entsprechen und zu dir gehören, dir früher oder später zufallen werden.

Einfachheit schafft Raum für das Wesentliche. Die meisten erfolgreichen Schöpfungen sind einfach, weil ihre Erschaffer verstanden haben, was wirklich wichtig ist. Ein erfolgreicher Komponist zum Beispiel weiß, wie er die Essenz seines Schaffens unmittelbar mitteilen kann, ohne dilettantisch zu wirken. Er verliert sich nicht in eitlen Schnörkeleien, aus Angst, nicht ernstgenommen zu werden. Vielleicht hat er in jungen Jahren eine klassische Ausbildung genossen und ist ein Meister der Komplexität. Aber nun bedient er sich der Einfachheit. Er braucht für seinen ganz persönlichen Zweck die überwältigende Vielfalt nicht. Große Kunst ist dann erreicht, wenn man nichts mehr weglassen kann. Wer zum Beispiel der Harmonielehre kundig ist, weiß genau, welche wenigen Noten auf dem Klavier er spielen muss, um eine schöne Melodie erklingen zu lassen. Er weiß, dass es nichts bringen würde, so viele Tasten wie möglich zu spielen, sondern dass nur die Stimmigkeit der Noten eine schöne Melodie ausmacht.

Einfachheit ist also kein Rückschritt, sondern eine effiziente Weiterentwicklung. Aus dem Primitiven entsteht das Komplexe, und aus dem Komplexen entsteht die Einfachheit. Warum ist das so? Stell dir die Geschichte der Menschheit wie ein Seil vor. Ihr habt euch nach oben gezogen und gemerkt, dass es ziemlich anstrengend und gefährlich ist. Dann seid ihr auf die Idee gekommen, aus dem Seil ein Netz zu knüpfen. Denn an den Maschen des Netzes könnt ihr euch beim Klettern festhalten. Das Leben wurde dadurch zwar weniger anstrengend, doch ihr hattet immer noch Angst herunterzufallen. Daher habt ihr damit begonnen, immer mehr und immer engere Maschen zu knüpfen. So entstanden mehr Möglichkeiten zum Festhalten, und die Gefahr, ins Leere zu greifen, verringerte sich. Mittlerweile sind die Maschen jedoch so eng, dass ihr immer öfter darin steckenbleibt, und es gibt so viele, dass ihr manchmal in die Falschen greift. Das Netz ist so kompliziert geworden, dass viele von euch überfordert sind. Sie verstricken sich im Komplexen und vernachlässigen dabei die einfachsten Dinge: Sie essen zu viel, zu wenig oder zu schnell, können sich nicht mehr für längere Zeit konzentrieren und schaffen es vor lauter Gedankenlärm nicht einmal mehr, genug zu schlafen. Dabei ist ausreichend Schlaf sehr wichtig. Nur ausgeruht hast du die geistige Kraft, deine Gedanken zu kontrollieren und in eine bestimmte Richtung zu lenken. Bei Müdigkeit hingegen verselbstständigen sich deine Gedanken und machen dein Leben noch komplizierter. Viele Menschen haben mittlerweile erkannt, dass die Komplexität ihnen nicht mehr dienlich ist. Sie beginnen damit, wieder gröbere Maschen zu knüpfen, da sie auf ihrem Lebensweg viel dazugelernt haben und genau wissen, wo sie Halt finden und wo sie sich nur verrenken würden.

Ihr Kompass dabei ist der innere Frieden. Er lässt sie auf dem Weg des geringsten Widerstands das Netz hinaufklettern. Das heißt nicht, dass sie nichts mehr tun, was Kraft kostet oder Ängste in ihnen hervorruft. Die Angst vor der nächsten Masche des Netzes ist mit einem einzigen beherzten Griff nach oben Vergangenheit. Und ein kraftaufreibender Abschnitt ist für sie kein aussichtsloser Kampf, sondern eher eine Frage der kurzen Überwindung. Danach erreichen sie mit Konsequenz und Willenskraft ihr Ziel. Menschen wie diese wissen, was sie wollen, und handeln so, dass sie es auf direktem Wege bekommen, anstatt Umwege zu gehen. Und sie wissen, dass sie das, was sie begehren, auch irgendwann haben werden. Sie erstreben nur noch Dinge, die ihrem Wesen entsprechen, die für sie wesen-tlich sind. Und was ihrem Wesen entspricht, wird ihnen gehören, weil es einfach zu ihnen gehört. Das Klettern geht ihnen somit trotz aller Widrigkeiten des Lebens vergleichsweise leicht von der Hand. Komplizierte Menschen hingegen stellen sich nicht die Frage, was für sie wesentlich ist. Sie sehen nicht die nächste Masche des Netzes, die für ihre Kletterroute konsequent und im wahrsten Sinne des Wortes naheliegend wäre. Stattdessen richten sie ihren Blick auf alle Maschen. Und da es so viele sind und sie sich entscheiden müssen, entscheiden sie sich für die schönste, aufregendste, spektakulärste anstatt für die wesentlichste. Ihr Klettern ist ein mühsamer Kampf um das Besondere, ohne zu wissen, ob sie es jemals erreichen werden. In der Zwischenzeit ist der erfahrene Kletterer mit seinem realistischen und für ihn wesentlichen Vorhaben bereits am Ziel. Er freut sich, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, und genießt die Ruhe und den Ausblick. Er wusste, was ihn am Ziel erwartet, und schätzt, was er nun hat. In ihm regt sich nicht das Bedürfnis, sofort weiterzuklettern. Stattdessen schlägt er lieber Wurzeln.

Die mangelnde Verwurzelung ist eine Begleiterscheinung eurer komplexen Welt. Ihr wollt oder müsst einfach zu schnell weiterklettern und seid damit gezwungen, Abschied von Dingen zu nehmen, die gerade erst Teil eurer Identität geworden sind und euch Stabilität gegeben haben. Ihr wechselt zum Erklimmen der nächsten komplizierten Besonderheit eure Arbeit, euren Wohnort oder sogar euren Partner und müsst euch immer wieder neu orientieren. Das kostet nicht nur materiell gesehen Kraft, sondern ist auch eine Belastung für eure Seele. Denn große Veränderungen führen bei euch Menschen zu einer scheinbar grundlosen Traurigkeit. Viele von euch wissen nicht, dass diese Traurigkeit eine Folge des Abschiednehmens vom Gewohnten ist. Da sie sich dieser Ursache nicht bewusst sind, streben sie schon wieder die nächste große Veränderung im Leben an. Schließlich kann es so, wie es jetzt ist, ja nicht bleiben. „Je einfacher etwas ist, desto mehr Kraft und Stärke liegt darin“, lehrte ein Mystiker des Mittelalters. Und was ist einfacher als zu verweilen und den festen Boden unter den Füßen zu genießen?

 

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