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Wenn der Wald spricht 2 - Kapitel 10

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Wenn der Wald spricht... 2

von Stefan Hertrich (Hörbuch 2013)


Hörbuch 2013. Als CD- oder Download-Version hier im Shop erhältlich.

 

10. Kapitel: Innerer Frieden

Vielleicht ist im Moment keine Wasserquelle weit und breit, die in dir ein Gefühl tiefer Freude oder Liebe auslöst. Aber du bist auf eine Quelle der Faszination gestoßen. Sehnst du dich nach Zuneigung, könnte es sich um eine Quelle handeln, von der du dir Liebe erhoffst. Was kann passieren, wenn du dich auf diese verlockende Quelle einlässt? Vor lauter Durst nach zwischenmenschlicher Nähe vergisst du vielleicht, dass zu einer gelingenden Beziehung Gemeinsamkeiten und Verantwortungsbewusstsein gehören. Du würdest in dieser Beziehung vielleicht gar nicht deinem Wesen gerecht werden können, sondern müsstest dich verbiegen, um zu gefallen.

Eine weitere, wenn auch indirektere Quelle der Liebe ist Anerkennung. Um bewundert zu werden, übernimmst du dich mit Arbeit oder strebst in anderen Bereichen nach Höchstleistungen. Wenn du dann endlich bekommen hast, was du wolltest, und deinen Krug mit dem Wasser aus der Quelle der Anerkennung gefüllt hast, merkst du, dass du dich verleugnet hast. Du hast auf deinem Weg zur Quelle keinen inneren Frieden gespürt – schließlich war er anstrengend und entbehrungsreich. Und auch jetzt spürst du keinen inneren Frieden, weil du dich zu weit von deiner Mitte entfernt hast oder das angestrebte schöne Gefühl nach einer gewissen Zeit wieder abgeklungen ist.

Warum konntest du das schöne Gefühl nicht halten? Weil es ein künstlich erzeugtes Gefühl war. Es ist nicht dir selbst entsprungen, sondern wurde durch etwas im Außen ausgelöst. Es entsprach nicht deinem Wesen, daher musste es wieder gehen. Und schon bist du wieder genau da, wo du vorher warst. Du bist wieder der Mensch, der sich nicht geliebt fühlt, ein mangelndes Selbstwertgefühl hat oder von materiellen Ängsten heimgesucht wird, und hast dich zusätzlich dazu auch noch verbogen und abgemüht. Um dich vorübergehend gut zu fühlen, hast du es also in Kauf genommen, dich längere Zeit schlecht zu fühlen. Innerer Frieden ist so nicht möglich.

Euer Denkfehler ist, dass ihr Glück mit intensiven, aber kurzen Momenten zu erreichen versucht, anstatt ein Leben anzustreben, in dem ihr euch allgemein gut fühlt. Trachte nicht danach, möglichst intensive schöne Gefühle zu haben, sondern möglichst oft und lang anhaltende schöne Gefühle zu haben – auch wenn sie weniger intensiv sind. Dann wirst du immer mehr darüber nachdenken, was bisher dazu geführt hat, dass unschöne Momente in dein Leben getreten sind. Meistens wolltest du etwas, von dem du dir schöne Momente versprochen hast, ohne jedoch zu realisieren, dass du dafür auch unschöne Momente in dein Leben ziehst. Manchmal warst du dir dessen vielleicht sogar bewusst, hast aber die unschönen Momente in Kauf genommen. Schließlich hast du immer gelernt, dass man für eine Belohnung, also den schönen Moment oder das schöne Gefühl, erst ein Opfer oder eine Leistung erbringen muss. Sportler gehen sogar so weit, dass sie sich jahrelang quälen, nur um einen kurzen Augenblick des Triumphs zu spüren.

Versuche, wenn du dich schlecht fühlst, bewusster wahrzunehmen, warum du dich schlecht fühlst. Was willst du unbedingt haben, das diesem Gefühl eine Daseinsberechtigung gibt? Nach und nach wirst du so das Interesse an intensiven Momenten verlieren. Du wirst deine überzogenen Erwartungen an dich selbst und das Leben etwas zurücknehmen. So wirst du innerlich stiller, und dadurch wird immer weniger im Außen nötig, damit du dich spüren kannst. Unruhige Menschen spüren sich nicht – sie spüren nur die Unruhe. Deswegen sehnen sie sich nach intensiven Gefühlen und wollen im Außen viel erleben. Ein Teufelskreis, da sie das unruhige Außen innerlich noch unruhiger macht. Und so sind sie innerlich permanent in Bewegung. Doch was permanent in Bewegung ist, kann nicht fest werden, und was nicht fest ist, hat keine Substanz. Nur wenn ein Krug fest ist, kann das Gefühl der Freude oder Liebe dort hineinfließen, ohne gleich wieder durch Risse zu entrinnen.

Versuche, Stille und inneren Frieden nicht mehr mit Langeweile oder Ereignislosigkeit zu verbinden, sondern mit dem Streben nach Festigkeit. Dort, auf dem Fundament des Kruges, findest du diejenigen schönen Gefühle, für die du nicht den Preis negativer Gefühle zahlen musst. Wieso solltest du auch dafür bezahlen? Du trägst die Gefühle ja bereits in dir. Sie sind lediglich verdeckt von deiner Sehnsucht nach Intensität. Mache dir bewusst, dass das Fehlen von Intensität nicht Leblosigkeit bedeutet. Weil viele Menschen so denken, fürchten sie den inneren Frieden. Du musst lediglich dein Streben nach Intensität aufgeben und das Lebendige im Gewöhnlichen entdecken, um inneren Frieden zu spüren. Wenn du viel in der Natur bist, lernst du, dich für das Gewöhnliche zu interessieren. Denn die Natur findet einfach statt. Sie ist gewöhnlich und nicht das, wonach du mit deinen hohen Erwartungen sonst immer strebst. So entdeckst du immer mehr die Schönheit in dem, was einfach so geschieht, und weißt auch deine eigene Gewöhnlichkeit immer mehr zu schätzen. Du erkennst, dass das Streben nach intensiven Gefühlen einen Preis hat, den du immer seltener bereit bist zu zahlen. Du lässt dich auf das Außergewöhnliche nur noch dann ein, wenn es für dich wirklich funktioniert. Du hast schlichtweg genug davon, wegen intensiver Gefühle Dinge zu tun, die dir deinen inneren Frieden rauben.

Sobald du genug davon hast, bist du bei dir angekommen. Stelle es dir bildhaft vor. Du verlässt dein trautes Heim, um die Gegend zu erkunden. Du kommst viel herum, siehst dieses und jenes, verirrst dich hierhin und dorthin und findest irgendwann wieder nach Hause. Du bist dann genau dort, wo du vorher warst. Du hast nichts Außergewöhnliches gefunden, das du mit nach Hause nehmen konntest und von nun an immer bei dir hast. Doch du kennst jetzt deine Umgebung besser. Du bist nicht mehr irgendwo und irgendwer, sondern weißt, wo dein Platz ist. „Um zu begreifen, dass der Himmel überall blau ist, braucht man nicht um die Welt zu reisen“, wusste ein bekannter Dichter und Denker. Aber du hast es getan, um wirklich Gewissheit zu haben. Und diese Gewissheit erfüllt dich nun mit einem tiefen Frieden. Du fühlst dich in dir selbst zuhause und weißt, dass du nichts verpasst, wenn du nicht jede Gelegenheit im Außen wahrnimmst.

Das bedeutet nicht, dass du nichts mehr Außergewöhnliches tun kannst oder darfst. Wenn du so denkst, lässt du dein Potenzial verkümmern und verpasst die Chance, großartige Dinge zu vollbringen, denen ein Platz in der Welt gebührt. Du zwingst dich dann, in deiner Mitte zu bleiben, doch bist alles andere als zufrieden. Es geht darum, aus deiner Mitte heraus das Außergewöhnliche als etwas zu erkennen, das in bestimmten Lebensphasen seine Berechtigung hat – ohne ihm jedoch die Macht zu verleihen, dich zu vereinnahmen. Du kannst dich dem Gewöhnlichen hingeben und trotzdem Außergewöhnliches vollbringen. Besser gesagt: genau deswegen. Mit dem inneren Frieden entsteht in dir eine Stille, in der Ungesagtes, Unsagbares, hörbar wird – zum Beispiel die Stimme der Inspiration. Je stiller du wirst, desto durchlässiger wirst du, damit höhere Kräfte wirken können. Du erkennst dann immer deutlicher subtile Zusammenhänge und immer öfter schießen dir klare Gedankengänge durch den Kopf. Je ruhiger eine Kerzenflamme ist, desto heller leuchtet sie. Doch dazu musst du neben deiner Wertschätzung für das Gewöhnliche auch dafür sorgen, dass es dort, wo die Kerze steht, windstill ist.

Der Wind kommt von außen, daher bringe dein Außen in Ordnung, bevor du die Kerze der Stille in deinem Inneren entzündest. Wenn du trotz eines unruhigen Außens versuchst, in die Stille zu gehen, wirst du nach einer gewissen Zeit auch eine große Unruhe im Innen verspüren. Denn in der Stille wird dir immer bewusster, dass die Unruhe im Außen nicht stimmig ist. Dann willst du im Außen zur Tat schreiten, unterdrückst diesen Impuls aber möglicherweise, weil du denkst, ein in sich gekehrter Mensch muss über den Dingen der äußeren Welt stehen können. Oder du bist dir dafür zu schade, etwas anzupacken, das dir weniger lichtvoll erscheint als das, was du verkörpern willst. Strebe nach innerem Frieden, aber erkenne, dass nicht alles, was du vorübergehend dafür tun musst, sich so anfühlen wird. Eine indianische Weisheit besagt: „Der Friede stellt sich niemals überraschend ein. Er fällt nicht vom Himmel wie der Regen. Er kommt zu denen, die ihn vorbereiten.“ Sei nicht zu bequem, eine extreme Schieflage für gewisse Zeit mit ebenso extremen Mitteln zu beseitigen. Du musst die von dir gelegten Buschfeuer im Außen erst einmal löschen, bevor du die feine Flamme der Kerze in deinem Inneren sehen kannst. Wenn du erdrückende Geldprobleme hast, mag es notwendig sein, diesem vernachlässigten Bereich des Lebens mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Oder wenn du eine lange Zeit der Trauer hinter dir hast, kann es durchaus sinnvoll sein, für eine Weile deine Bewusstheit im Getümmel des Lebens zu vergessen. Achte beim Löschen des Buschfeuers lediglich darauf, dass der Funke nicht überspringt und ein neues Feuer entfacht. Der Weg zum inneren Frieden mag steinig sein, doch er wird sich dir von selbst offenbaren, wenn du bereit bist ihn zu gehen und etwas dafür zu tun.

 

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