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Wenn der Wald spricht 2 - Kapitel 09

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Wenn der Wald spricht... 2

von Stefan Hertrich (Hörbuch 2013)


Hörbuch 2013. Als CD- oder Download-Version hier im Shop erhältlich.

 

9. Kapitel: Faszination

Wenn du zuhause aufgeräumt und dich lange genug ausgeruht hast, regt sich in dir wieder der Wunsch, neue Erfahrungen zu sammeln und deinen Tonkrug mit Wasser zu füllen. Aus welchen Quellen könntest du schöpfen? Nach welchen Gefühlen sehnst du dich? Wahrscheinlich nach Freude oder Liebe. Allerdings landet ihr auf der Suche nach diesen Gefühlen oft in den Fängen der Faszination. „Faszinierend“ bedeutet eigentlich „packend“, „fesselnd“ und stammt vom alten Wort für „verführen“, „verzaubern“, „behexen“ ab. Wie du anhand all dieser Wörter erkennen kannst, ist die Faszination ein Gefühl, das dich in gewisser Weise deiner Freiheit und Selbstkontrolle beraubt. Du wirst gepackt, gefesselt und verzaubert. Irgendetwas erregt so sehr deine Aufmerksamkeit, dass es dich gedanklich vereinnahmt. Du verlierst deine geistige Klarheit und kannst die Wichtigkeit anderer Dinge nicht mehr wahrnehmen. Das kann sogar so weit führen, dass du deine Pflichten nicht mehr wahrnehmen kannst. Das Gefühl von Freude oder Liebe hingegen, das du eigentlich suchst, macht dich leichtfüßig und trägt dich auch in anderen Lebensbereichen. Zwar setzt auch die Faszination viel Energie frei, aber du bist angekettet und kannst diese Energie nur dazu nutzen, wild um dich zu schlagen. Ein zielgerichtetes Handeln aus geistiger und emotionaler Freiheit heraus ist nicht möglich. Denn dir fehlt die gesunde Distanz zu dem, was dich fasziniert. An dieser Distanz erkennst du, ob du aus tiefer Freude oder Liebe heraus handelst oder aus der Faszination.

Freude und Liebe sind Gefühle, die von Dauer sein können. Sie begleiten dich bei Begegnungen mit Menschen, die du magst, oder bei Tätigkeiten, die du gern machst. Diese Menschen und Dinge entsprechen so sehr deinem Wesen, dass du dich in ihnen nicht verlieren kannst. Es besteht eine gesunde emotionale Distanz, eine Art Zwischenraum, in dem beides existieren darf – das, was dich mit Freude oder Liebe erfüllt, und auch nach wie vor du selbst – mit deiner Geschichte, die du so, wie sie ist, akzeptierst. Du verleugnest dich nicht durch das Objekt der Freude oder Liebe und erwartest auch nicht, dass du zu einem völlig neuen Menschen wirst. Dir geht es nicht darum, dich in dem Objekt aufzulösen, um erlöst zu werden von deinem bisherigen Sein.

Die Faszination hingegen hält nur vorübergehend an, da sie deine Aufmerksamkeit gänzlich von dir selbst ablenkt und auf etwas anderes richtet. Du selbst bist dann nicht mehr da, und das andere, auf das du so fixiert bist, bist nicht du. Deswegen muss die Faszination nach kurzer Zeit weichen, damit du wieder zu dir zurückkehren kannst. Aber da dich das Faszinierende so geblendet hat, wirkt die Welt nach deiner Rückkehr zu dir selbst dunkel und leblos. Du verspürst eine große innere Leere und lauerst darbend wie eine Spinne im Netz auf die nächste Faszination. Es kann lange dauern, bis du sie erlebst, schließlich muss das, was dich faszinieren soll, etwas Besonderes sein – sonst könntest du dich ja nicht von dir selbst ab-sondern. Das Faszinierende muss dich so sehr übersteigen und so weit ab dessen sein, was dir normalerweise widerfährt, dass du dich vergessen kannst. Denn darum geht es dir. Du willst deine Gewöhnlichkeit vergessen, deine Angst, dass das Leben dich vergessen hat. Und so sehnst du dich nach einer romantisch verklärten Partnerschaft, dem Schaffen eines großen Werks oder dem Erringen einer sportlichen oder beruflichen Glanzleistung. Und bis es soweit ist, überbrückst du die Zeit damit, im Fernsehen anderen dabei zuzusehen, wie sie all dies in ihrem persönlichem Kampf und Drama zu erreichen suchen.

Ja, ihr liebt das Drama. Denn ihr seid selbst Schauspieler, Drehbuchautor und Zuschauer eines Theaterstücks - eures eigenen Theaterstücks. Allerdings lassen euch Verstrickungen und emotionale Anhaftungen die Rolle des Zuschauers und Drehbuchautors leicht vergessen. Dann verselbstständigt sich das Theaterstück. Erst bist du die Spinne, die in ihrem Netz auf die Faszination lauert. Doch wenn die Faszination dann da ist, bist du es, der sich im Netz verfängt. Daher achte genau darauf, was du spürst, wenn etwas Neues in dein Leben tritt – ein Mensch, eine Idee, ein Wunsch. Spürst du eine gesunde Distanz zwischen dir und dem, was da auf dich zukommt? Kannst du noch bequem als Zuschauer aus deiner Mitte heraus dem Theaterstück folgen? Bist du noch Drehbuchautor und hast den Verlauf des Theaterstücks unter Kontrolle?

Wenn etwas in dein Leben tritt, das Freude oder Liebe in dir weckt, weil es einfach zu dir gehört, wird es dir gelingen, in deiner Mitte zu bleiben. Du wirst erkennen, dass alles noch so ablenkend Schillernde auf dieser Welt lediglich zur Bühnenrequisite gehört und irgendwann wieder abgebaut wird, wenn die Szene endet. Höre also bei der Suche nach Wasserquellen auf die Impulse der Freude und Liebe, und versuche, die Faszination zu durchschauen. Aber unterdrücke nicht alle Gefühle, weil du vielleicht Angst hast, deinen Krug bei einer falschen Quelle zu füllen. Ohne Lebendigkeit, ohne Wasser aus einer Quelle, ist dein Krug nutzlos und er verstaubt. Du kannst diese Lebendigkeit auch nicht mit materiellen Dingen ersetzen. Das Materielle, das Material des Kruges, ist zwar wichtig, doch wer unentwegt damit beschäftigt ist, den Krug prunkvoll zu verzieren, anstatt ihn zu füllen, verdurstet.

Schau dir deine Gefühle genau an. Das Gefühl tiefer Freude oder Liebe ist ein Indikator dafür, zu welchen Quellen das Schicksal dich führen will. Die Faszination hingegen wird oft missverstanden. Sie ist selten ein Zeichen unbändiger Freude und grenzenloser Liebe zum Leben, sondern zeugt in den meisten Fällen von innerer Zerrissenheit und Chaos. Sie ist launisch und kann sich von Tag zu Tag ändern. Heute bist du von etwas völlig fasziniert und schreitest zur Tat, am nächsten Tag ist dein Enthusiasmus wie verflogen und du suchst schon wieder nach der nächsten Quelle, die in dir ein überschwängliches Gefühl erzeugt. Du lässt dich in alle möglichen Richtungen treiben, weil du bei deinem Bedürfnis nach grenzenloser Selbstverwirklichung auf allen Hochzeiten gleichzeitig tanzen willst. Schließlich könnte dir sonst etwas entgehen... Doch je mehr unterschiedliche Dinge du in den Krug füllst, desto undurchsichtiger und trüber wird sein Inhalt. Und je voller du ihn machst, desto mehr musst du bereit sein zu tragen.

Daher entscheide wohlüberlegt, was du in dein Leben hineinlassen willst, und denke nicht so viel darüber nach, was du verpassen könntest. Sonst bringst du nichts zu Ende, weil dich ein falsches Gefühl in zu viele Richtungen gelockt hat. Du bist dann nicht deinem inneren Kompass gefolgt, sondern den Impulsen der Faszination, um deine Zerrissenheit zu leben.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Faszination keine Geduld kennt. Sie kann dir keine Kraft spenden, die du bräuchtest, um deine Vorhaben mit voller Konsequenz in die Tat umzusetzen. Denn die Faszination ist ein Gefühl der Ausschließlichkeit. Sie lässt es nicht zu, dass du schon jetzt – ohne das Erreichte – in dir ruhen kannst, sondern verlagert deine Identität in die Zukunft, wenn du das Erreichte hast. Erst dann darfst du wieder inneren Frieden spüren. Aber bis dahin musst du bei allem, was du denkst und tust, ungeduldig und unruhig sein. Schließlich macht dir die Faszination weis, dass die Quelle, aus der du Wasser in deinen Krug füllen willst, etwas ganz Besonderes ist. Sie lockt dich hoch hinauf auf einen Berg, und wenn du den Krug dort gefüllt hast, fällt er vielleicht herunter. Oder du rennst so aufgeregt mit dem Krug umher, dass du das Wasser verschüttest. Oder das, was du in den Krug hineinfüllen willst, ist zu heiß. Dann bekommt er Risse, der Inhalt rinnt dir über die Hand und du verbrennst dir die Finger... Daher überlege genau, was du in deinen Krug füllen willst und wo.

Wenn du die richtige Quelle gefunden hast, erlebst du echte Freude und echte Liebe, und beide Gefühle ziehen mit dem inneren Frieden am gleichen Strang. Du spürst eine glückselige Lebendigkeit, die deine Aufmerksamkeit nicht irgendwohin in die Zukunft lenkt, sondern bereichert, was jetzt gerade ist. Du fühlst dich aus deiner Mitte heraus beflügelt und kannst dieses Gefühl halten, auch wenn du dir darüber im Klaren bist, dass die Erfüllung deines Ziels oder Wunsches länger dauern kann. Intuitiv merkst du, dass die Quelle, die dieses Gefühl auslöst, dich ein Stückchen näher zu dir selbst bringt, und dass du damit perfekt das ausdrückst, was du auf deinem gegenwärtigen Bewusstseinsstand in der Welt verkörpern willst.

 

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