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Wenn der Wald spricht 2 - Kapitel 08

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Wenn der Wald spricht... 2

von Stefan Hertrich (Hörbuch 2013)


Hörbuch 2013. Als CD- oder Download-Version hier im Shop erhältlich.

 

8. Kapitel: Verstrickungen

Ich habe darüber gesprochen, was passiert, wenn du das Außen vernachlässigst und dich in der inneren Welt verlierst. Nun möchte ich über die Verstrickungen in der äußeren Welt sprechen. Es ist wichtig, ins Leben einzutauchen und Erfahrungen im Außen zu machen, um neue Eindrücke zu sammeln und zu reifen. In der Regel treibt dich nach einer Phase der Zurückgezogenheit und Erholung eine plötzlich aufkommende Leere, Neugierde oder Freude dazu, wieder den Schritt nach draußen zu wagen. Du hast das Gefühl, etwas zu brauchen. Und so willst du deine Hütte verlassen und dich wieder auf die Reise machen, um das, was du denkst zu brauchen, zu bekommen. Lange hast du es dir davor am Kaminfeuer bequem gemacht und zurück an vergangene Ereignisse gedacht. Einiges war enttäuschend oder verletzend, doch je mehr Zeit ins Land gezogen ist, desto mehr Gras ist über die Sache gewachsen. Und nun denkst du mit einer gewissen Wehmut an deine einstige Lebendigkeit zurück und dürstest wieder nach ereignisreichen Augenblicken. Deswegen hast du beschlossen, deinen bequemen Sessel und das wärmende Feuer für eine gewisse Zeit gegen das emsige Treiben draußen in der Welt einzutauschen und so deinen Durst zu stillen. Vielleicht hast du viel Zeit alleine verbracht und willst nun wieder aus dem Quell der zwischenmenschlichen Nähe schöpfen. Oder du vermisst intensive Erlebnisse und begehrst das Wasser aus dem Quell der Begeisterung. Als die ersten Sonnenstrahlen des Tages durch das Fenster deiner Hütte scheinen, nimmst du einen großen, leeren Tonkrug und machst dich auf den Weg, um eine Quelle zu finden und den Krug mit Wasser zu füllen. Mit der Kraft der frühen Stunden in den Beinen gehst du schnellen Schrittes hinaus in die Welt, in freudiger Erwartung dessen, was das Schicksal wohl für dich bereithält.

Endlich. Nach langem Fußmarsch bist du gegen Mittag fündig geworden und stehst vor einem eindrucksvollen Wasserfall. Beherzt nimmst du einen Schluck vom kühlen, klaren Nass. Als du deinen Durst gestillt und deinen Krug mit Wasser gefüllt hast, übermannt dich ein Gefühl der Müdigkeit und du willst dich von der beschwerlichen Reise ausruhen. Aber der tosende Wasserfall ist zu laut und der felsige Boden nicht so bequem wie dein weiches Bett zuhause. Daher beschließt du, mit dem gefüllten Krug die Heimreise anzutreten. Erst jetzt merkst du, wie weit du dich von deiner Hütte entfernt hast. Du hast dich nach dem Wasser gesehnt und dabei ganz vergessen, dass du den schweren Krug auch wieder den langen Weg nach Hause tragen musst, zurück in deine Mitte. Die Nachmittagssonne brennt und je länger du gehst, desto durstiger wirst du. Schluck für Schluck trinkst du das Wasser, bis der Krug schließlich leer ist. Da ist sie wieder, deine Leere... Deine Kraft schwindet, doch zum Glück fällt dir ein, dass nicht allzu weit entfernt eine weitere Quelle sein muss. Sie liegt zwar nicht auf dem Weg zurück zu deiner Hütte, aber du würdest es wenigstens noch bis vor Sonnenuntergang dorthin schaffen. Also beschließt du, nicht nach Hause, sondern zu der Quelle zu gehen, deinen Krug wieder aufzufüllen und für die Nacht dort zu bleiben. Als du dich am nächsten Morgen mit dem vollen Krug auf den Heimweg machen willst, stellst du mit Entsetzen fest, dass du nicht mehr weißt, wie es zurück nach Hause geht. Du hast dich verlaufen. Von nun an eilst du von Quelle zu Quelle, um deinen Durst zu stillen, bis du irgendwann vergisst, dass du jemals ein Zuhause hattest.

Was bedeutet diese Geschichte? Das Problem ist nicht, dass du dein zu Hause, deine Mitte, verlassen hast. Jeder wird irgendwann durstig und sehnt sich nach intensiven Momenten. Das Problem ist, dass du dich zu weit von zu Hause entfernt hast, gemessen daran, wie groß dein Krug ist. Er steht dafür, wie viel Aufregendes und Neues du auf Kosten deines inneren Friedens verkraften kannst. Je größer der Krug, desto mehr Wasser, also intensive Momente, kannst du hineinfüllen. Und desto weiter kannst du dich zum Wasser schöpfen von deiner Mitte entfernen, denn auf dem Weg zurück nach Hause wird dir das Wasser nicht ausgehen. Du betrittst dann wieder dein trautes Heim, deine Mitte, ohne gleich wieder durstig zu werden. So kannst du dich am warmen Kaminfeuer deines inneren Friedens über das freuen, was du in deinem Krug nach Hause gebracht hast. Ist der Krug jedoch zu klein und du entfernst dich zu weit von deiner Mitte, weil du zu intensive Gefühle spüren willst, schaffst du es mit dem wenigen Wasser nicht den weiten Weg zurück. Du wirst wieder Durst bekommen, dich wieder leer fühlen, bevor du überhaupt in deine Mitte zurückgekehrt bist. Dann hast du dich verstrickt und von der Wasserquelle abhängig gemacht. Anstatt zu merken, dass du zu weit gegangen bist, machst du den Inhalt des Kruges für deine Misere verantwortlich. Es waren wohl einfach noch nicht genug innige Begegnungen, genug aufregende Erlebnisse, genug besondere Eindrücke. Du hast vergessen, dass letztendlich die Rückkehr zum inneren Frieden das Ziel deiner Reise war, und so wurden die Dinge, die du haben wolltest, zum Selbstzweck. Du kommst nicht mehr von ihnen los, da sie deinen Durst nie wirklich stillen. Du irrst ziellos von einem Bedürfnis zum nächsten und findest nicht mehr den Weg zurück in deine Mitte. Es fällt dir schwer, dich aus dieser Anhaftung zu lösen, und dein Zuhause, dein Inneres, gerät aus den Fugen.

Wie dienlich dir intensive Momente und Begegnungen sind, hängt also stark davon ab, wie sehr du mit dem Problem der Anhaftung zu kämpfen hast. Manche Menschen können ausgelassen Spaß haben und intensive Gefühle zulassen, und sich danach wieder schnell zurückziehen, ohne das Erlebte festhalten zu müssen. In ihren Krug passt viel Wasser hinein und sie können lange davon zehren. Sie verspüren nicht sofort wieder eine innere Leere oder Sehnsucht, und kreisen somit nicht permanent mit ihren Gedanken um das Erlebte. Es hält sie also nicht davon ab, sich auch wieder um ihr Zuhause zu kümmern.

Der laute Wasserfall und felsige Boden in der Geschichte stehen für das Gefühl, dass du zwar bekommen hast, was du wolltest, aber irgendwann merkst: Nein, hier gehöre ich nicht hin. Hier bin ich nicht ich. Hier kann ich nicht in mir ruhen. Im Idealfall hast du dich nicht weit von deiner Mitte entfernt, nachdem du das gemerkt hast, und kannst um diese Erfahrung reicher auf kurzem Wege wieder in deine Hütte zurückkehren. Dort kannst du dich dann erholen und am Rest des Wassers erfreuen, auch wenn der Weg beschwerlich war und dir das Ziel vielleicht doch nicht das eingebracht hat, was du dir gewünscht hast. Aber du gehst gestärkt aus dieser Erfahrung hervor und kannst in deiner Mitte genug Kraft für deine nächste Reise sammeln. Vielleicht gelingt es dir ja in Zukunft, dich schon vor der Reise zu fragen: „Werde ich mich dort zu Hause fühlen? Entspricht das, was ich zu tun gedenke, wirklich meinem Wesen? Wird die Erfahrung am Ende inneren Frieden bedeuten oder mich eher davon entfernen?“ Allzu oft lasst ihr euch von der Hoffnung und dem Reiz des Neuen blenden und überseht, wie wichtig es ist, sich dabei auch wohlzufühlen.

Als du in der Geschichte die Wahl hattest, zurück nach Hause zu gehen oder lieber den kürzeren Weg zur zweiten Quelle zu nehmen, ging es darum, dass ihr zwar oft wisst, dass euch etwas nicht zufriedenstellt, aber dennoch sehnt ihr euch emotional danach und wiederholt die Erfahrung – nur an einem anderen Ort oder mit einer anderen Person. Das Resultat wird jedoch das Gleiche sein. Es wird dich nicht zu deinem inneren Frieden zurückbringen, sondern noch weiter davon entfernen.

Das Übernachten an der zweiten Quelle symbolisiert, dass ihr euch oft in etwas verstrickt und dann zu lange ausharrt. Ihr bleibt in einer Beziehung, obwohl ihr wisst, dass sie sich nicht mehr richtig anfühlt, euch nicht mehr nährt und einfach keinen inneren Frieden entstehen lässt. Doch ihr seid so emotional gefangen, dass ihr euch nicht auf den Weg zurück nach Hause in eure Mitte machen wollt. Die Angst vor der Dunkelheit, der Ungewissheit, ist größer als der altbekannte Schmerz der festgefahrenen Situation.

Je besser es der gelingt, die Tragfähigkeit deines Kruges und die Dienlichkeit der Wasserquellen einzuschätzen, desto leichter kannst du immer wieder nach Hause in deine Mitte zurückkehren. Dann herrscht ein gesundes Gleichgewicht aus Entdecken und Zurückziehen. Für ein harmonisches Leben brauchst du beides: das Gewöhnliche in der stillen Zurückgezogenheit deiner Hütte und das Außergewöhnliche im Entdecken der großen weiten Welt. Das Gewöhnliche ist dein Fundament, das für innere Ruhe und Klarheit sorgt, das Außergewöhnliche der Treibstoff, der dich lebendig hält.

Aber verlasse deine Hütte nicht unaufgeräumt. Sorge erst für Ordnung, indem du die Unordnung in deinem Leben aufräumst und alte Verstrickungen löst, bevor du dich wieder auf den Weg machst. Nur so weißt du, wohin du eigentlich willst – aus welcher Quelle es sich zu trinken wirklich lohnt. Das Wasser dort wird dir dann viel besser schmecken. Denn wenn du innerlich aufgeräumt in deiner Mitte ruhst, erlebst du vieles intensiver. Selbst unscheinbare Ereignisse werden dadurch freudvoll und interessant. Wenn du hingegen unruhig bist, kannst du nicht von Dingen mitgerissen werden, die ruhiger sind als du selbst. Du bemerkst dann das Leben und die Dynamik in den ruhigeren Dingen nicht. Sie wirken für dich statisch, weil du selbst rotierst. Wenn du zum Beispiel dem Gesang eines Vogels lauschst, nimmst du ihn in deiner Mitte ruhend klarer, lebendiger und sogar länger wahr. Der Gesang bleibt länger bei dir, denn da ist keine Unruhe, die deine Aufmerksamkeit immer wieder auf ein rasendes Gedankenkarussell setzt, während du doch eigentlich dem Vogel zuhören willst. Nicht nur die Intensität von Erlebnissen, sondern auch die Zeitqualität verändert sich also, wenn es in dir stiller ist. Schaffe Ordnung in deiner Hütte und komm an deinem Kaminfeuer zur Ruhe. Und betrachte diese Zeit nicht als Lebensphase, in der nichts los ist. Mache dir stattdessen bewusst, dass du gerade dabei bist, wichtige Vorbereitungen für den nächsten spannenden Akt auf der Bühne des Lebens zu treffen.

 

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