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Wenn der Wald spricht 2 - Kapitel 07

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Wenn der Wald spricht... 2

von Stefan Hertrich (Hörbuch 2013)


Hörbuch 2013. Als CD- oder Download-Version hier im Shop erhältlich.

 

7. Kapitel: Außen & Innen

Nicht nur in der äußeren Welt geht es um Erfolg, sondern auch in der inneren. Und so hört ihr nicht nur von Menschen mit materiellem Erfolg, sondern auch von Menschen mit seelischem Erfolg. Sie haben ihren Frieden und ihr Glück gefunden und versuchen nun, ihre Erfahrungen mit anderen zu teilen und ihnen so zu helfen. Selten sind diese Menschen jung und haben noch mit ihren äußeren Lebensumständen zu kämpfen. Sie haben ihre Lernaufgaben im Außen bereits größtenteils abgeschlossen. Oder sie müssen sich der äußeren Welt generell nur in geringem Maße stellen, weil ihr Schwerpunkt auf der Erforschung der inneren Welt liegt. Sie leben im Kloster oder an anderen Orten weitab von Chaos und Versuchung. Und nun siehst du diese Menschen und wunderst dich, warum du es nicht schaffst, ein Leben in Frieden und Gelassenheit zu führen.

Du willst es Menschen gleichtun, die mit festem Boden unter den Füßen auf einer Insel stehen, während du in den Wogen des Lebens gerade noch dein Schiff auf Kurs halten kannst. Aber ein ruhiges Meer macht keine erfahrenen Seeleute. Du hast dir vermutlich für dein Leben in der äußeren Welt viel vorgenommen, und das führt nun einmal hin und wieder zu Konflikten und Verstrickungen. Mutig setzt du die Segel und lieferst dich den Gefahren der äußeren Welt aus. Ein Mönch hingegen hat sich viel Stille vorgenommen und ist in seiner Isolation vor vielen Herausforderungen der äußeren Welt geschützt. Wieso solltest du den gleichen Anspruch haben wie er, wenn dir doch das Leben viel mehr abverlangt? Ihr lebt nicht in einer Zeit, in der für alle Menschen das Hauptthema die Versenkung ist. Es ist eine Zeit des Tatendrangs, der Horizonterweiterung, der nie dagewesenen Möglichkeiten.

Daher ist es ganz natürlich, dass du in der äußeren Welt mit ihren stetigen Auf und Abs immer wieder Gefahr läufst, Schiffbruch zu erleiden. Fühle dich nicht schlecht, weil du denkst, du müsstest die Dinge im Außen mit souveräner Gleichgültigkeit betrachten können. Es ist gut, dass du die Dinge so siehst, wie sie oftmals nun einmal sind: belastend, frustrierend, inakzeptabel. Sie sind nicht heilig, sie sind nicht heil, sie sind nicht vollkommen. Wären sie vollkommen, hätten sie keinen Sinn – dann wärst du überflüssig, denn es gäbe nichts zu formen. Und genau deswegen erkennst du sie als Un-heil – damit in dir der Wunsch entsteht, sie zu formen und zu heilen. Es ist nicht leicht und auch nicht notwendig, sich in einer unheilen Welt wie ein Heiliger zu fühlen. Viele Menschen haben jedoch diesen Anspruch und beginnen, sich aus dem Unheil zurückzuziehen, anstatt in die Hände zu spucken und den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Die innere Welt lehrt sie, alles so anzunehmen, wie es ist, aber sie lehnen die äußere Welt immer mehr ab. Die innere Welt lehrt sie, ihre Mitmenschen zu lieben, aber sie verlieren den Draht zu ihnen, wenn sie nicht so sind wie sie. Die innere Welt lehrt sie, wie wichtig Einfachheit und Klarheit ist, aber sie stürzen sich immer mehr in verworrene Gedankenkonstrukte. Sie greifen nach den vielgepriesenen Sternen und vergessen dabei die Erde, auf der sie stehen. Sei dir nicht zu schade dafür, deinen Blick auch auf die äußere Welt zu richten. Und schaffe dort Ordnung, wenn Unordnung herrscht, anstatt dir im Innen einen Frieden einzureden, den es in deinem Leben einfach noch nicht gibt.

Viele von euch beschäftigen sich intensiv mit dem Innen, da sie denken, dass sich mit der inneren Reife auch das Außen zum Guten wandeln wird. Sie denken, sie können dabei die äußere Welt einfach ihren Lauf nehmen lassen. Das Schicksal wird sich schon darum kümmern, dass für sie gesorgt sein wird. Mit genug Vertrauen würden sie dann schon noch den Boden spüren, den sie sich selbst immer mehr unter den Füßen wegziehen. Sie messen dem Geld und anderen Aspekten der äußeren Welt eine immer geringere Bedeutung bei und sind kaum noch bereit, sich der äußeren Welt zu stellen. Sie versuchen, jeglicher Herausforderung zu entgehen, aber im Endeffekt holt sie die äußere Welt dann doch ein – denn ohne Geld kann jedes Problem im Außen zu einer Bedrohung werden. Wer dem Geld keine Beachtung mehr schenkt, bewirkt das Gegenteil: Menschen wie diese müssen bei allem, was sie tun, aufs Geld schauen. Sie sind nicht freier geworden, sondern abhängiger von den Launen der äußeren Welt. Sie werden erst nicht mehr an das Geld denken müssen, wenn sie ihm den gebührenden Stellenwert einräumen. Wie hoch auch ein Vogel fliegen mag, seine Nahrung sucht er auf der Erde.

Ein höheres Bewusstsein erlangt ihr nicht, indem ihr jede Zielstrebigkeit aufgebt und gar nichts mehr tut. Bewusstsein ist eine Frage der Reife, die erst einmal erlangt werden will. Teilnahmslosigkeit macht den Erfahrungsschatz eines Menschen nicht reicher, sondern führt zu Verbitterung und Leblosigkeit. Um bewusst hinter die Dinge blicken zu können, muss man sie erst einmal so wahrnehmen, wie sie sind. Wer wegschaut, kann nicht hinschauen. Schau dir die Dinge der äußeren Welt an. Ansehen, erkennen, loslassen. Wie ein Apfel, der reift und immer schwerer wird, und erst dann vom Baum des Lebens abfallen kann. Davor müsste er gewaltsam vom Ast abgerissen werden, zum Beispiel durch disziplinierten Verzicht, verurteilende Ablehnung oder das Einhalten von religiösen oder elterlichen Verboten. Dies wäre jedoch kein freiwilliges Loslassen, da der Apfel noch nicht reif ist. Du wirst ihn dann irgendwann wieder zurückhaben wollen, weil er eigentlich noch zu dir gehört. Lasse zu, dass auch Altes noch sein darf, solange du es noch nicht als undienlich erkannt hast. Wenn du dir Bedürfnisse verweigerst, verleugnest du dich selbst. Das Neue ist immer faszinierender als das Alte. Und im blendenden Lichte des Neuen wirkt das Alte nur allzu leicht trist und trübe. Bewusstwerdung bedeutet nicht, sich nur dem hinzugeben, was im hellen Licht erstrahlt, sondern auch dem, was nicht strahlt, um es strahlend zu machen. Verleugne daher nicht die äußere Welt, sondern schau genau hin und lass sie von der inneren Welt durchleuchten. So werden beide Welten eins, damit eine umfassendere Wirklichkeit entstehen kann. Aber ersetze nicht die eine Welt durch die andere.

Sei nicht frustriert, wenn sich deine Bewusstwerdung nicht so schnell vollzieht, wie du es dir vielleicht gewünscht hast. Auch andere sind einen langen, steilen Weg gegangen oder gehen ihn immer noch. Und dieser Weg kann sehr erfüllend sein. Es gibt in der äußeren wie auch in der inneren Welt viel zu entdecken. Keine Erfahrung in der einen Welt ist mehr wert als eine Erfahrung in der anderen. Mach in beiden Welten – zur richtigen Zeit – deine nötigen Erfahrungen, und lass dich weder von deinem Ehrgeiz noch von deinen Mitmenschen mehr in die eine oder andere Welt hineinziehen. Deine Bewusstwerdung findet über beide Welten statt und es geschieht ganz von selbst, indem du einfach deinen Interessen und Vorlieben folgst. Vielleicht fühlst du dich gerade nicht lebendig und hast Angst, etwas im Außen zu verpassen. Dann tauche beherzt ins Leben ein und genieße deine Rolle im großen Theaterstück in vollen Zügen. Und sobald du dich vom Getümmel erdrückt fühlst oder merkst, dass deine Ordnung aus den Fugen gerät, ziehe dich wieder zurück und beschäftige dich mehr mit dir selbst und geistigen Themen. Du machst immer die Erfahrungen, die du in deiner aktuellen Lebensphase brauchst, und wirst so mit der einen oder anderen Welt immer genau dann konfrontiert, wenn es deiner Entwicklung gerade dienlich ist. Und ebenso nimmst du dann auch wieder von dieser Welt Abstand. Mangelnde Lebensfreude und Vereinsamung sind oft ein Anzeichen dafür, dass du dich zwanghaft zu viel mit der inneren Welt beschäftigst. Chaos und fehlende Klarheit, dass du dich zu sehr in der äußeren Welt verstrickt hast. Dann solltest du der jeweils anderen Welt mehr Beachtung schenken, indem du dich für entsprechende Erfahrungen öffnest. Dann dürfen sie auch in dein Leben treten.

Stell dir die äußere Welt als großen Wald vor, und deine innere Welt als Hütte. Das Fenster der Hütte ist dein Bewusstsein – die Verbindung zwischen Innen und Außen. Jede Erfahrung in der inneren Welt, zum Beispiel eine Erkenntnis aus einem Buch oder aus der Stille deiner vorübergehenden Zurückgezogenheit, ist wie das Wischen mit einem Schwamm über das Fenster. Die Sicht nach draußen wird klarer und du erkennst das, was draußen vor sich geht und was du bisher dort erlebt hast, als stimmiger, sinnvoller und vielleicht sogar schöner. Erkenntnis hat immer etwas mit erkennen und anerkennen zu tun. Sobald du also das, was du draußen erlebt hast, in einem inneren Prozess anerkannt hast, wird es Zeit, wieder nach draußen zu gehen. Schließlich muss das Fenster auch von außen seine Trübheit verlieren. Mit jeder gelebten Erfahrung wischst du das Fenster auch von außen. Manchmal mag es dabei regnen und manchmal fließen vielleicht auch Schweiß und Tränen, aber das Fenster wird dadurch noch klarer. Und irgendwann siehst du die Welt durch das Fenster so deutlich und in all ihrer Pracht, dass du gar nicht verstehen kannst, warum du Innen und Außen solange voneinander getrennt hast. Du gibst jeglichen Schutz auf, öffnest das Fenster und alles wird eins.

 

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