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Wenn der Wald spricht 2 - Kapitel 06

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Wenn der Wald spricht... 2

von Stefan Hertrich (Hörbuch 2013)


Hörbuch 2013. Als CD- oder Download-Version hier im Shop erhältlich.

 

6. Kapitel: Erfolg

In der heutigen Zeit werdet ihr täglich mit erfolgreichen Menschen konfrontiert. Sie strahlen euch in den Zeitungen entgegen, schreiten graziös über rote Teppiche, vollbringen in Arenen Höchstleistungen oder lassen sich auf den Brettern, die scheinbar die Welt bedeuten, von der Menge feiern. Hin und wieder legen sie euch im Fernsehen Produkte ans Herz, damit ihr sie kauft, um ein bisschen so sein zu können wie sie.

Solch enge Berührungspunkte zwischen unterschiedlichen Teilen der Gesellschaft hat es bisher nicht gegeben. Es handelt sich dabei um ein einzigartiges Phänomen eures medialen Zeitalters. In früheren Epochen waren die Menschen der einzelnen Gesellschaftsschichten überwiegend unter sich. Man kannte zwar vielleicht die Namen der Berühmtheiten, aber wusste ansonsten nicht viel über sie. Man wusste nicht einmal, wie sie aussehen, da es keine Zeitungen oder andere Medien gab. Herausragende Gelehrte lebten abgeschottet im Kloster und geniale Wissenschaftler oder Künstler wurden vom Adel ausgehalten. Sie verkehrten in gehobenen Kreisen, während das Massenbewusstsein in manchen Fällen nicht einmal um ihre Existenz wusste. Ihre Errungenschaften waren nur der obersten Gesellschaftsschicht zugänglich, denn bedeutsame Werke wurden nicht in gemeinen Dörfern ausgestellt oder aufgeführt. Der Großteil der Bevölkerung kam also mit erfolgreichen Menschen selten in Berührung. Und man wagte nicht einmal davon zu träumen, selbst irgendwann dazuzugehören, war doch der soziale Rang eine Frage der familiären Herkunft und nicht der Leistung oder des Einfallsreichtums.

Das hat sich im Laufe der Zeit jedoch geändert. Die gesellschaftlichen Strukturen haben sich gelockert und jedem einzelnen unabhängig von seiner sozialen Stellung nie dagewesene Gestaltungsmöglichkeiten eröffnet. Je mehr Freiheit allerdings herrscht, desto mehr wächst in vielen von euch die Befürchtung, euer Potenzial nicht voll auszuschöpfen oder nicht genug zu leisten. Alles aus sich herausholen, sich an anderen Menschen messen, bloß keine der sich bietenden Gelegenheiten verpassen – Gedankengänge wie diese sind euer ständiger Begleiter und führen bei mangelndem Erfolg zu Gefühlen des Versagens und der Schuld.

Ein gesundes Maß an Erfolgsdenken kann dir Kraft spenden und Auftrieb beim Manifestieren deiner Visionen geben. Aber wenn dein Leben von Freude und innerem Frieden erfüllt sein soll, musst du stets im Auge behalten, wie realistisch der von dir angestrebte Erfolg ist. Welche Rahmenbedingungen herrschen in deinem Leben vor? Wie viel Zeit und Energie räumst du dir zum Erreichen des Erfolgs ein? Wie belastbar bist du, um ganz nach oben zu kommen? Du kannst zielstrebig und gleichzeitig freudvoll handeln, wenn du ein kalkulierbares, realistisches Maß an Erfolg erlangen möchtest. Ab einer gewissen Größe hingegen lässt sich Erfolg nicht mehr planen. Es gibt kein allgemeingültiges Rezept, um großen Erfolg vorherzusehen und herbeizuführen, weder in der Wirtschaft noch im Sport oder in der Kunst. Dazu ist die Welt viel zu komplex, schnelllebig und unvorhersehbar geworden. Manche Menschen versuchen, dir mit ihrem gut gemeinten Rat eine Anleitung für außergewöhnlichen Erfolg anzubieten. Sofern diese Menschen selbst jemals großen Erfolg hatten, mag das, was sie sagen, in ihrer ganz individuellen Lebenslage funktioniert haben. Doch allzu schnell werden diese geglückten Einzelfälle in scheinbar allgemeingültige Regeln gepresst und den Menschen als Erfolgsgarant verkauft. Und ihr fragt euch dann verwundert, warum euer Leben nicht von Erfolg gekrönt ist, und fühlt euch noch schlechter und mutloser als zuvor. Dabei überseht ihr die vielen, vielen Menschen, bei denen diese Regeln ebenfalls nicht gefruchtet haben. Oder ihr überseht, dass der ratgebenden Person in manchen Lebenslagen selbst kein Erfolg beschieden ist. Gerne sagen erfolgreiche Menschen, dass sie schon immer diesen Erfolg wollten und fest daran geglaubt haben, und genau deswegen sei er eingetreten. Aber ihr hört nichts von den Menschen, die denselben Erfolg wollten und gescheitert sind – oder wieder alles verloren haben.

Setze dir realistische Ziele und fordere dich nur in dem Maße, wie du Freude verspürst und es deine Kraft zulässt. Und hinterfrage gleichzeitig die Ziele, die du schon lange vor dir herschiebst und nicht anpackst. In Zeiten grenzenloser Möglichkeiten und nie dagewesener Freiheiten wie heute entpuppen sich hochgesteckte Ziele oft als übertriebene Träumereien, die nicht oder nicht mehr deinem Wesen entsprechen. Sie stammen entweder aus deinem unersättlichen Ego oder noch aus deiner unbedarften Kindheit. Der Narr tut, was er nicht lassen kann, der Weise lässt, was er nicht tun kann. Unerfüllbare Sehnsüchte versperren dir den Blick auf deine wahre Bestimmung und erzeugen Erfolgsdruck. Aber sie geben dir nun einmal Hoffnung und befreien dich zumindest in deiner Fantasie aus deiner aktuellen Lage, mit der du aus irgendwelchen Gründen nicht zufrieden bist. Und genau deswegen fällt es dir so schwer, diese Sehnsüchte loszulassen.

Sollten deine kühnsten Träume wirklich deine Bestimmung sein, werden sie wahr werden. Du würdest so viel Begeisterung und Überzeugung aufbringen können, dass du frohen Mutes die Ärmel hochkrempeln und die Reise zur Realisierung dieser Träume antreten würdest, ohne jahrelang darüber nachzudenken. Alles würde dir relativ leicht von der Hand gehen, ohne dass du ergebnislos bis an den Rand der Belastbarkeit kämpfen oder gar deinen Idealen untreu werden müsstest. Du würdest dich ohne zu grübeln deinem Vorhaben ergeben und alles andere würde sich dann einfach... ergeben.

Welche Geschenke der Erfolg auch bereithalten mag: Mache dir bewusst, dass er auch ebenso große Lernaufgaben mit sich bringen kann. Viele Menschen haben Schwierigkeiten mit zwischenmenschlicher Nähe, definieren sich sehr über ihr Äußeres oder lassen sich in ihrem Tun und Sein von der Erwartungshaltung anderer beeinflussen. Vor allem Schwächen wie diese sind es, die der Erfolg als Lehrmeister an die Oberfläche bringt. Hoher Baum fängt viel Wind – und dieser Wind kann eisig sein...

Der Erfolg kann also zu einer enormen Belastungsprobe für deinen inneren Frieden und deine Klarheit werden. Er setzt viel in Bewegung und schafft so viele neue Erfahrungen, dass sich dein Leben vor lauter Terminen und Ereignissen immer schneller zu drehen scheint. Als würdest du in einer Eisenbahn sitzen, die an Fahrt aufnimmt, und die Landschaft – dein Leben – rauscht einfach nur in unscharfen Bildern an dir vorbei. Die Eisenbahn macht nur noch selten an Stationen halt und du erlebst Ereignisse und Personen nicht mehr in ihrer ganzen Tiefe. Sie ziehen an dir vorüber, ohne dass du dich auf sie einlassen kannst. Dann wünschst du dir, die Eisenbahn möge doch anhalten oder langsamer fahren. Und wenn dies tatsächlich geschieht, hast du dich schon so sehr an die Geschwindigkeit gewöhnt, dass dir das, was du jetzt durch das Fenster siehst, nichts mehr gibt. Es fühlt sich schal, leer und uninteressant an. Gelangweilt wendest du dann deinen Blick von der Welt da draußen ab und schlenderst durch die Abteile. Du lenkst dich im Speisewagen mit ausschweifenden Festen ab oder entfliehst im Schlafwagen der trostlosen Realität. Zur heiteren Gelassenheit deines bescheidenen Lebens vor dem Erfolg findest du jedoch nicht zurück. Also beginnst du wieder, dich nach dem Rausch der Geschwindigkeit zu sehnen. Du schaufelst wieder Kohle ins Feuer, damit die Eisenbahn an Fahrt aufnimmt, obwohl du weißt, dass die Landschaft wieder nur an dir vorüberziehen wird. Manchmal hilft dann nur ein Prellbock, um diesen Kreislauf zu durchbrechen. Je höher ein Baum, desto schwerer sein Fall. Der Erfolg bleibt aus oder ein einschneidendes Erlebnis verändert deine Sicht der Dinge und endlich darfst du auf dem Boden der Tatsachen angekommen wieder die Tiefe des Lebens und des eigenen Wesens spüren.

Erfolg kann also seine Schattenseiten haben. Sie zeigen sich all jenen, die sich für ihr Leben viel vorgenommen haben, aber allzu leicht aus ihrer Mitte bringen lassen. Die Sonnenseiten hingegen können dem Erfolgreichen viele wunderbare Momente bescheren, schier grenzenlose Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung eröffnen und seine Bewusstwerdung mit wertvollen Erfahrungen bereichern. Mit seinem Einfluss kann der Erfolgreiche viel Gutes für die Welt tun und seinen Mitmenschen dienen. Die Persönlichkeit und Lernaufgaben entscheiden darüber, welche Seiten sich ihm öfter zeigen werden.

Insofern bedeutet großer Erfolg also nicht für jeden Menschen und in allen Situationen großes Glück. Im Gegenteil: Für viele kann es ein großes Geschenk sein, das Leben unauffällig in Bescheidenheit und Gelassenheit leben zu dürfen. „Wer verborgen bleibt, hat ein schönes Leben“, erkannte bereits ein Dichter der Antike. Vielen genialen Menschen eurer Geschichte war Erfolg gleichgültig oder er war lediglich eine willkommene Begleiterscheinung. Stattdessen widmeten diese Menschen ihre ganze Konzentration der Umsetzung ihrer Vision. Manche von ihnen hatten mit ihren großen Ideen und Werken Erfolg, so wie ihr ihn definiert – sie erreichten ein Höchstmaß an Anerkennung und Wohlstand. Anderen war dies nicht beschieden. Aber eines hatten sie alle gemeinsam: die Freude und Liebe zu ihrer Vision und damit ein von Freude und Liebe durchdrungenes Leben. Die Freude am Selbstausdruck und die Liebe zu eurer Vision sind das wahre Geschenk, das euch das Leben macht. Ein reicher oder hoch angesehener Mensch ohne Vision wird nie so glücklich sein wie ein genialer Wissenschaftler oder Künstler mit weniger Ansehen oder Reichtum. Denn wahrer Erfolg definiert sich darüber, wie viel Freude und Liebe die Verwirklichung eurer Vision in euch weckt.

 

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