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Wenn der Wald spricht 2 - Kapitel 02

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Wenn der Wald spricht... 2

von Stefan Hertrich (Hörbuch 2013)


Hörbuch 2013. Als CD- oder Download-Version hier im Shop erhältlich.

 

2. Kapitel: (Er)schöpfung

Gehe also nicht so hart mit dir ins Gericht. Du weißt nicht alles, was du wissen willst, aber alles, was du wissen musst. Ebenso schaffst du nicht alles, was du schaffen willst, aber alles, was du schaffen musst.

Die meisten Menschen, die dies hören, leben in einer Kultur, der es kaum an lebensnotwendigen Dingen mangelt. Und doch kämpft ihr mehr mit dem Leben als viele Menschen an anderen Orten dieser Welt. Denn in euren Breitengraden kennt ihr nicht mehr das Gefühl, einfach nehmen zu dürfen. Ihr lebt in künstlich geschaffenen Systemen, in denen nichts mehr „einfach so da ist“. Ihr erntet keine Früchte mehr, die von selbst wachsen, ohne in der langen Reifezeit etwas dafür tun zu müssen. Stattdessen müsst ihr für eure Lebensmittel arbeiten und euren Verdienst geben, sonst habt ihr sie nicht verdient. Und so hält die Welt immer weniger natürliche Geschenke für euch bereit, sondern ähnelt in eurem Bewusstsein immer mehr einem Kriegsschauplatz, an dem man sich alles erkämpfen muss.

Dieser Kampf vollzieht sich auf zwei Ebenen: im Innen und im Außen. Im Außen fechtet ihr ihn mit nachvollziehbaren Beweggründen aus. Ihr müsst eure Grundbedürfnisse stillen und wollt euch sicher fühlen. Im Innen werdet ihr jedoch von den unersättlichen Befehlshabern namens Ehrgeiz und Eile zu den Fahnen gerufen. Oft treiben sie euch in eine aussichtslose und unnötige Schlacht, die dazu führen kann, dass auch die Kampfhandlungen im Außen eskalieren.

Wenn du ehrgeizig bist oder es eilig hast, willst du etwas haben, jemand sein oder etwas bewältigen, obwohl die Zeit dafür noch nicht reif ist. Du willst eine Tür öffnen, für die du vom Schicksal noch keinen Schlüssel bekommen hast. Aber da du ungeduldig bist oder unter Druck stehst, willst du auch ohne Schlüssel durch die Tür. Dazu musst du sie auftreten, was viel Kraft kostet und sogar dazu führen kann, dass du dir wehtust. So machst du dein Leben zu einem Kampf. Du liebst weder deine gegenwärtige Situation, noch das, was hinter der Tür ist. Du erhoffst dir lediglich etwas davon. Du willst nicht auf die andere Seite der Tür, weil du dich mit Freude oder Liebe danach sehnst, sondern weil du dort, wo du jetzt bist, nicht zufrieden bist oder Druck verspürst. Dafür nimmst du Kampf und Erschöpfung in Kauf. Gleichzeitig sehnst du den Augenblick der Erlösung und Erholung herbei, der eintritt, sobald die Tür offen ist. Noch ganz außer Atem stellst du dann jedoch mit Entsetzen fest, dass am Ende des Raumes eine weitere Tür ist. Anstatt zu verschnaufen, machst du dich nun daran, auch durch diese Tür zu gelangen. Du denkst, je schneller du sie öffnest, desto schneller bist du auch bei all den anderen Türen, die da kommen mögen. Das wiederholst du so oft, bis dir irgendwann die Luft ausgeht und du weder die Kraft noch den Willen hast, weitere Türen zu öffnen. Und nie warst du zufrieden mit dem, was du hinter einer Tür vorgefunden hast. Schließlich war es mühsam, sie zu öffnen, und danach hat bereits die nächste Tür gewartet. Aber wenigstens hat das Kämpfen deinen Selbstwert gesteigert. Du hast dir und deinen Mitmenschen bewiesen, dass du dich durchbeißen kannst. Und so fühlst du dich nur nützlich, wenn du ausgelaugt und überfordert bist. Deswegen bekommst du bereits nach einer kurzen Verschnaufpause Schuldgefühle. Dann rappelst du dich wieder auf und eilst zur nächsten Tür, hinter der bereits weitere Aufgaben auf dich warten.

Es bringt nichts, zu hetzen, da es immer etwas zu tun gibt, sobald das, was du tun wolltest, erledigt ist.
Lege die Waffen nieder und schließe Frieden mit dir selbst. Es ist nicht der Kampf, der dir ein besseres Leben bescheren wird, sondern eine Veränderung deiner Einstellung zum Leben. Oft weißt du, dass dir das Kämpfen nicht dienlich ist, und trotzdem lässt du dich immer wieder darauf ein. Du denkst „Nur noch diese eine Schlacht muss ich schlagen, bevor ich mich ausruhen kann“ und schaffst damit bereits die Voraussetzungen für den nächsten Kampf. Denn jeder einzelne Kampf prägt deine Identität und fördert deine Bereitschaft, weitere Kämpfe ins Leben einzuladen. Solange du des Kämpfens nicht überdrüssig geworden bist und nicht bewusst die Entscheidung getroffen hast, dein Leben in Zukunft zu einer Demonstration von Geduld, Ausgeglichenheit und Freude zu machen, wird dich eine neue Situation zum Kämpfen verführen. Sie wird so verlockend sein, dass es dir schwerfällt, nein zu sagen, oder sie wird so vertrackt sein, dass du keine Wahl zu haben glaubst. Aber genau um das Verlockende oder Vertrackte geht es. Die neue Situation verkörpert eine Frage, die das Schicksal dir stellt. Und du kannst sie nur unmissverständlich beantworten, wenn es eine Situation ist, in der die Antwort nicht gleichgültig ist. Das Schicksal wird dich so lange fragen, ob du kämpfen willst, bist du eine klare Antwort gegeben hast, die überall zu hören ist – in der Arbeit, in der Partnerschaft und auch in dir selbst.

Niemand hat das Recht, von dir zu fordern, dass du kämpfst. Gib im Alltag zuverlässig dein Bestes, solange du dich nicht übernimmst oder ausgelaugt fühlst. Blumen wachsen nicht, wenn man immer nur mäht. Und mache dir bewusst, dass Ruhe und Freude nicht nach dem Leisten, also am Ende der Kette stehen sollten. Im Gegenteil: Ruhe und Freude sollten den Anfang der Kette bilden, damit deine Kraft einer positiven Quelle entspringt. Freude wird oft als etwas missverstanden, das sich nicht mit Arbeit und Leistung vereinbaren lässt. Dabei ist Freude eine Form der erhöhten Konzentration und steigert sowohl deine Leistungsfähigkeit als auch deine Kreativität. Die Freude ist wie das Ausgeruhtsein ein Grundbedürfnis, das täglich gestillt werden will. Du kannst zwar auf Ruhe und Freude verzichten und Extremleistungen vollbringen, allerdings nur für kurze Zeit. Danach brauchst du eine unverhältnismäßig lange Erholungsphase. Sonst wirst du müde, zornig und traurig. So zu handeln ist nur sinnvoll, wenn du eine vorübergehende Schieflage beseitigen und dadurch etwas wieder ins Gleichgewicht bringen willst. Im Alltag und zur Bewältigung längerer Prozesse ist diese Lebensweise jedoch ineffektiv und zerrt dich aus. Leider übernehmt ihr Menschen euch immer öfter – sowohl in der Arbeit, als auch bei euren unzähligen Freizeitvorhaben. Fast jeder Bereich eures Lebens artet mehr und mehr zu einem Extremsport aus, der jeden Tropfen Vitalität aus euch herauspresst. Ein gemächlicheres Handeln würde euch nicht nur körperlich wie auch seelisch weniger ermüden, sondern wäre auf lange Sicht sogar effektiver, weil die Erholungsphasen kürzer ausfallen.

Doch auch das Nichtstun kann zu einem Kampf werden, der viel Kraft kostet. Viele Menschen beschäftigen sich nur noch mit sich selbst und grübeln den ganzen langen Tag. Wenn du dich zurückziehst und nur noch um dich und deine Probleme kreist, drehst du dich im Kreis. Ein Kreis ist rund und geschlossen, nichts fließt in ihn hinein und aus ihm heraus. Aber du fühlst dich nun einmal schwach und willst getragen werden – von Menschen, von Dingen und von Glaubenssätzen. Was allerdings die wenigsten von euch wissen: Das, was du tragen willst, trägt dich. Wenn du nur um dich kreist, kannst du lediglich dich selbst tragen, weil keine Kraft in deinen zugemauerten Kreis hineinfließen kann. Entwickelst du für dein Denken und Tun jedoch Beweggründe, um auch andere zu tragen, beginnt die Mauer zu bröckeln und du öffnest dich für Kräfte, die dir bisher verschlossen geblieben sind. Du wirst dann von diesen inneren Kräften getragen – und nicht von bestimmten Bedingungen, die im Außen erfüllt sein müssen. Das bedeutet nicht, dass du von nun an eine aufopfernde Rolle im Leben spielen sollst. Achte stattdessen bei dem, was du schon jetzt denkst und tust, auch auf den Nutzen für andere. Dann wirst du nicht so schnell erschöpft sein
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